Me too

Damals als ich in Australien war, erlebte ich einen der schlimmsten Tage meines Lebens. Ich rede sehr selten über diesen Tag, da ich eigentlich nur vergessen möchte, was passiert ist. Nur wenige Leute kennen diese Geschichte und ich bin ihnen unfassbar dankbar, dass sie für mich da waren und mir Mut gemacht haben das Erlebnis zu teilen. Ich muss dazu sagen, dass es mich viel Überwindung kostet darüber zu schreiben und deshalb tue ich es jetzt, 6 Jahre später. Ich habe mich nun dazu entschieden davon zu berichten, da es jede Frau treffen kann und es wichtig ist zu wissen, wie man mit einer solchen Situation umgeht… Zu schweigen bringt nichts, das habe ich damals 10 Tage später gelernt und bin nun froh, dass ich die nötigen Schritte gegangen bin und meinen Mund aufgemacht habe.

 

Damals war ich noch sehr jung, gerade mal 19 Jahre alt und ich war schon mehrere Monate mit meiner Freundin Lisa durch Australien gereist. Sie, ein paar Freunde und ich wollten zusammen auf ein Konzert gehen, weshalb ich zu einem Copy-Shop ging, um unsere Online Tickets auszudrucken. Ich setzte mich neben einen älteren Herrn, ca. Ende 40 mit braunen, schulterlangen Haaren und dickem Bauch, an einen Computer und begann mit meinem Vorhaben. Kurz darauf wurde ich von ihm angesprochen und er machte mir die üblichen Komplimente. Wie immer blieb ich nett und freundlich und bedankte mich lächelnd. Dann erzählte er mir, dass er als Fotograf arbeitete und demnächst eine Party im Casino steigen würde, wo eine ihm bekannte Modelagentur noch nach Mädchen suchte, die dort einfach nur anwesend waren, um die Veranstaltung gut aussehen zu lassen. Ich gab ihm meine E-Mail Adresse, da ich dafür auch einiges an Geld verdienen sollte. Da ich Backpackerin war brauchte ich immer Geld und machte mir keine weiteren Gedanken.

 

Ein paar Tage später sagte er mir er würde mich zur Anprobe abholen, die zufällig in meinem Stadtteil stattfinden sollte und wo ich die anderen Models kennenlernen würde. Da es hieß, dass auch andere Mädchen mit dabei seien, machte ich mir erneut keine großen Gedanken.

 

An diesem Tag schließlich, verbrachte ich den Vormittag mit Lisa und einem Kumpel am Strand, bis mich der Mann abholen kam. Als ich auf dem Weg zu seinem Auto war hatte ich ein ungutes Bauchgefühl und ich hätte darauf hören sollen! Ich stieg ein und er fuhr los in „Richtung Anprobe“. Während der Fahrt erzählte er mir von den Kleidern, die wir alle tragen sollten und von den anderen Models. Ich glaubte ihm… Dann legte er den Ellenbogen auf die Rückenlehne von meinem Autositz und ließ die Hand baumeln. Dadurch streifte diese öfter meine Brust und ich wusste nicht, ob das aus Versehen war. Ich rückte ein Stück weg und versteifte mich, da mir die Situation zu unangenehm war. Ich war zudem zu schüchtern um etwas zu sagen, denn es hätte ja auch ohne Absicht passieren können.

 

Endlich war die Autofahrt vorbei und wir hielten vor einem mehrstöckigen Haus, das mich an ein Motel erinnerte. Wir stiegen aus und gingen in den zweiten Stock. Dort schloss er die Tür zu einer kleinen Wohnung auf und ich erkannte schnell, dass wir alleine waren. Keine anderen Models, keine Kleider, nur dieses fürchterlich hässliche Zimmer. Auf einem Tisch und an den Wänden waren Fotos von Kindern zu sehen und im Fernseher lief ein Porno aus den 80ern. Dies alles erfasste ich mit einem Blick und wollte mich umdrehen und gehen, doch er schloss die Tür von innen, sobald ich die Wohnung betreten hatte. Er drehte den Schlüssel mehrmals um und steckte ihn in seine Tasche. Ich spürte wie die Panik in mir aufstieg. Ich weiß nicht mehr was ich als erstes sagte, aber ich fragte dann erstaunlich gefasst, ob ich erst ins Badezimmer gehen könne um zu duschen, bevor ich die Kleider anprobiere, da ich noch sandig vom Strand war. Er erlaubte es mir und ich verschwand im Bad. Dort musste ich erschreckend feststellen, dass man die Tür nicht abschließen konnte. Ich holte mein Handy aus der Tasche und bat Lisa und meinen Kumpel um Hilfe und schickte ihr meinen Standort. Dann ging ich in meinem Bikini unter die Dusche und versuchte Zeit hinauszuzögern. Ich wollte nicht, dass er Verdacht schöpfte und überlegte mit rasendem Herzen, was ich nun am besten tun sollte. Plötzlich kam er ins Badezimmer und blickte mich überrascht an, als ich dort im Bikini duschte anstatt nackt. Frag mich nicht, warum ich überhaupt duschen ging. In einer solchen Situation tust du Dinge aus Panik, die im Nachhinein so vielleicht nicht nötig gewesen wären.

 

Er griff in die Dusche und drehte an dem Wasserhahn mit den Worten ich solle mir das Wasser doch schön warm machen. Ich sagte ihm, dass ich das schon hinkriegen würde und er ging zurück in das Hauptzimmer, wo die Fotos, der Fernseher und das Bett standen.

 

Ich zog mir wieder meine paar luftigen Sachen an, die ich für den Strand angezogen hatte und ging hinaus. Ich konnte nicht wegrennen, die Tür war abgeschlossen, aus dem Fenster zu springen wäre zu hoch gewesen, also musste ich mich der Situation stellen, bis Lisa und Marc eintreffen würden. Ich stand mit dem Rücken in Richtung Wand und er kam auf mich zu. Dabei erklärte er, dass es bei dieser “Casino- Party“ extrem wichtig war, dass ich locker bin und dass wir keine Grenzen haben sollten. Ich solle ihn einfach als meinen „Sugar Daddy“ sehen… (Wenn ich diese zwei Wörter höre, läuft es mir noch immer kalt den Rücken herunter). Während er das sagte nahm er meinen Bikiniträger in die Hand und schob ihn nach unten. Ich war wie festgefroren, konnte mich wie im Traum nicht von der Stelle bewegen und ich konnte nur daran denken, was er mir antun würde. Als er mich gegen die Wand drückte verschärften sich alle meine Sinne. Ich blickte zu der abgeschlossenen Tür und wusste ich kann nur raus, wenn er aufschließt. Ich suchte schon nach einem Gegenstand im Raum mit dem ich mich hätte wehren können, doch dann kam mir ein Gedanke: Was ist, wenn ich ihn wütend mache, weil ich nicht schaffe ihn umzuhauen?! Was ist wenn ich ihn bitte mich gehen zu lassen und er mich festhält?

 

Also blieb mir nur eine Möglichkeit: Ich täuschte einen Asthma Anfall vor (ich habe gar kein Asthma). Ich fing an nach Luft zu ringen und dank meinem schauspielerischen Talent schien das wohl so dramatisch zu wirken, dass er einen Schritt zurückging und fragte was los sei. Ich sagte ihm ich habe Asthma und hätte mein Spray vergessen und müsse deshalb so schnell es ging nach Hause. Ich sagte das zwischen furchterregendem Hecheln und Japsen. Ich war selbst überrascht, wie gut ich diese Situation simulieren konnte – der Angst sei Dank. Er zögerte mich herauszulassen und meinte ich solle mich doch einfach vor den Ventilator stellen. Daraufhin rang ich so kräftig nach Luft und krümmte mich, dass er wahrscheinlich Angst bekam ich würde sterben. Nach einer gefühlten Ewigkeit schloss er die Tür auf und wollte mich nach Hause fahren, damit ich mein Spray holen konnte. Ich griff meine Tasche, ging verkrampft und immer noch japsend, aber in nicht auffälligem Tempo aus der Tür und war verschwunden, bevor er die Tür schließen konnte. Ich rannte zitternd und weinend so schnell ich konnte. Immer wieder drehte ich mich um und hielt Ausschau nach seinem Auto. Ich verlief mich einige Male und begegnete keinem anderen Menschen, der mir helfen konnte. Es war wie verhext, aber ich hatte es raus geschafft. Ich hatte es tatsächlich geschafft!!!

 

Ich kam bei unserem Haus an und schloss mich in unserem Badezimmer ein, wo ich zusammenbrach und einen Rückfall hatte, was das Finger in den Hals stecken anging. Endlich kam Lisa, die mittlerweile erfahren hatte, dass ich sicher war. Sie klopfte an die Tür, ich ließ sie herein und erzählte ihr alles als ich mich beruhigt hatte. Sie sagte mir mehrmals ich solle direkt zur Polizei gehen und den Typen anzeigen. Aber es ist genau so, wie immer alle sagen: Man fühlt sich furchtbar, will alles vergessen, durch das Erzählen nicht noch einmal alles durchleben und vor allem will man nicht das Opfer sein. Zudem hatte ich noch immer furchtbar Angst vor diesem Mann.

 

Einer meiner besten Freunde nahm sich meiner an und er redete sehr lange mit mir. Schließlich sollte ich auf einen Zettel jedes Wort schreiben, dass mir zu der Situation einfiel. Nachdem ich das getan hatte, sollte ich mir sein Gesicht vorstellen und dann mit einem Feuerzeug den Zettel, sowie die Vorstellung verbrennen. Es half mir mehr als ich erwartet hatte und ich versuchte die nächsten Tage so zu leben, als ob nichts passiert war.

 

10 Tage später kam Lisa ganz aufgeregt von der Arbeit und berichtete mir, dass sie von einem älteren Mann angesprochen wurde, der genau so aussah wie in meinen Beschreibungen und der ihr ebenfalls von der Casino-Party erzählte. Das war ausschlaggebend! Wenn mir was passiert wäre, scheiße! Aber wenn meiner besten Freundin das Selbe oder Schlimmeres passiert wäre, hätte ich mir das nicht verzeihen können. Ich wusste ich muss zur Polizei, um andere Mädchen zu schützen. Ich zeigte den Mann an und konnte aufgrund meines Google-Standorts, den ich Lisa geschickt hatte, genau zeigen, wo sich das Haus befand. Es war schwer darüber zu reden, doch der Polizist war sehr freundlich und versicherte mir, dass ich sicher sei.

 

Da wir schließlich weiterreisten, blieb ich in Kontakt mit dem Polizisten, der mich auf dem Laufenden hielt, was die Ermittlungen anging. Es dauerte ein paar Monate, als der Typ endlich vor Gericht musste. Zu dieser Zeit befand ich mich schon in Deutschland und schickte meine Aussage per Scan nach Australien. Bei den Ermittlungen hatte sich herausgestellt, dass er unter falschem Namen in Australien lebte und einige angezeigte Vergewaltigungen konnten mit ihm in Verbindung gebracht werden. Aus diesem Grund wurde er ziemlich schnell für Jahre ins Gefängnis gesteckt und ich suchte mir professionelle Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten.  

 

Ich hätte nie gedacht, dass mir mal so etwas passieren könnte und aus diesem Grund war ich anfangs so naiv. Ich kann von Glück reden, dass ich aus dieser Wohnung gekommen bin, bevor was Schlimmeres passiert ist und ich danke Gott dafür! Ich hoffe, dass ich durch meine Erzählung ein Beispiel geben kann, wie man, sollte man in eine solche Situation kommen, was ich niemandem wünsche, am besten reagiert. Das Wichtigste ist aber, dass man den Mund aufmacht und damit an die Öffentlichkeit geht, auch wenn es schwer ist!!!!!!

Bitte pass auf dich auf!

 

 

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