11. Sydney 2.0

Ich kam pünktlich zur nächtlichen Kälte in Sydney an der Central Station an. Da stand ich nun mit meinem Gepäck und hatte echt keine Ahnung wo ich hin sollte. Also setzte ich mich auf meine Tasche schlang die Arme um mein Kissen und lehnte mich gegen die kalte Steinwand des Bahnhofs. Viele betrunkene komische Gestalten kamen an mir vorbei und lallten mich voll. Ein Typ kam zu mir und meinte, dass ich da nicht um diese Uhrzeit sitzen könne, da sich viele Kriminelle in dem gegenüberliegenden Park aufhalten würden. Das war dann schließlich zu viel für mich und das alles ließ mir ein paar Trän‘chen die Wange herunterkullern. Zwei deutsche Mädchen kamen zu mir rüber und trösteten mich und ließen ihre Handynummern da. Sie schlugen mir vor zu dem immer offenen McDonalds zu gehen, doch bei Mcges die Nacht verbringen? Nein danke. Also blieb ich sitzen. Die nächsten Menschen die mir begegneten waren zum Glück auch schon meine Rettung. Zwei junge Kerle, beide nüchtern, der eine etwas schüchtern , der andere in Plauderlaune. Er fragte mich ob alles okay sei und ich erklärte ihm meine Situation. Bei so etwas ist es von Vorteil ein Mädchen zu sein, denn ich machte große traurige „bling-bling“- Augen und schniefte sowieso schon mitleidserregend und schon konnten sie nicht anders, als mich zu Ihnen ins Auto zu setzen und mit mir lange Zeit durch Sydney zu fahren. Auf der Fahrt suchten wir nach einem Hotel oder Hostel was um 2 Uhr Nachts noch aufhatte. Zum Glück fanden wir auch eines, denn bei dem Schüchternen durfte ich nicht schlafen, da er ungerne Fremde in das Haus seiner Eltern lassen wollte, was ich auch vollkommen nachvollziehen kann. Der andere schlief bei ihm, sodass mir nichts anderes übrig blieb als Geld für ein Hotel auszugeben. An der Rezeption begegnete ich dem nächsten Helden des Abends, denn er merkte , dass es mir nicht gut ging und hörte sich meine Geschichte an. So kam es, dass er mir ein 190$ Zimmer für 100$ weniger gab und meine Check Out Zeit nach hinten verlegte, da es schon so spät war. Als ich mich von meinen Rettern verabschiedete, kam der Mann von der Rezeption raus an das Auto und schüttelte beiden die Hand, schenkte ihnen Cola und sagte “ You made Australia proud!“ . Es war so rührend wie sie alle strahlten, weil sie mir geholfen hatten, dass ich direkt ein Foto von dieser Szene machen musste. Das Zimmer in dem ich die Nacht verbrachte, hatte alles was ein Backpackerherz begehrt. Ein riesengroßes Doppelbett für mich ganz alleine, einen Fernseher, Trinkschokolade, ein Badezimmer mit allen möglichen Pflegeutensilien und einen Balkon mit Blick über Sydney. Das Meiste davon entdeckte ich leider erst am Morgen, da ich nach Betreten des Zimmers direkt ins Bett fiel und wie ein betrunkenes Baby einschlief. Am Morgen gönnte ich mir dann alles, was mein Raum zu bieten hatte und meine gute Laune war spätestens beim Vorfinden der Trinkschokolade wieder da. Dann war es Zeit ein Taxi zu rufen um zurück zum Bahnhof zu fahren. Der Taxifahrer und ich holten Lisa von der Busstation ab und fuhren zu dem Laden, wo wir unseren Campervan abholen mussten. Ein junger Deutscher zeigte uns den Wagen und gab uns noch den Namen eines Parks, in dem wir unbedingt Silvester feiern sollten. Unser Auto war ganz ungewohnt groß, im Gegensatz zu unserem kleinen Flitzer zuvor. Ich kam mir vor wie eine Busfahrerin hinter dem Steuer parkte es dennoch sicher und unbeschert vor einem Hostel. Endlich hatten wir Zeit zu brunchen (Es gab Obstsalat, Müsli, Sushi und Smoothies) und in Ruhe zu reden! Der Tag wurde auch immer besser als wir durch den Botanischen Garten Sydneys spazierten, in dem man „bitte barfuß auf dem Gras laufen “ sollte. Das fantastische Wetter, die Skyline, das funkelnde Wasser,die vielen Pflanzen und dann auch noch bald Silvester.. irgendwie war das Glück doch wieder auf meiner Seite. Später besuchte ich dann noch meinen Zukünftigen, Nicki, in seinem geilen Hotel und Abends gingen wir in einen Club mit einer Gruppe mehrerer bekannter Leute um einen Geburtstag zu feiern. Auch die erste Nacht im Auto war gut, sodass wir am nächsten Morgen glücklich und munter für den Silvesterabend einkaufen konnten. Mit einer Flasche Wein, Glühstäbchen, Wunderkerzen und Essen bewaffnet fuhren wir über futuristische Brücken und Straßen zu dem Park, den uns der Autohändler empfohlen hatte. Tatsächlich fanden wir auch einen perfekten Platz auf einer Wiese mit einem ebenso perfekten Blick auf die Harbour Bridge und das Opera House. Direkt am Wasser legten wir unsere Decken aus und chillten dort mit Freunden und Musik den ganzen Tag über. Am Abend wurden die Bierchen geöffnet und in unserem Campervan Trinkspiele gespielt. Die letzten Stunden des Jahres 2013 waren ziemlich lustig und werden mir noch lange in Erinnerung bleiben. Nachts im Sommerkleid auf 12 Uhr zu warten, hat man nicht immer. Eine halbe Stunde vor dem lang erwarteten Moment, gingen wir runter ans Wasser und machten Fotos mit Wunderkerzen und Leuchtstäbchen. 10 Sekunden vor dem Feuerwerk wurde der Countdown laut gezählt und dann – BOOOM! – startete eines der teuersten Feuerwerke der Welt: Herzmuster, bunter „Regen“ , der von der Harbourbridge herunter rieselte  und eine halbe Stunde kunterbunte Funken. Alle Leute jaulten und ich begrüßte das neue Jahr mit Gänsehaut, wildem Herzklopfen und einem breiten Grinsen. Alle meine Wünsche hatten sich in dem letzten Jahr erfüllt und ich hatte meine Träume in die Tat umgesetzt- es gibt kein besseres Gefühl auf der Welt!  

Die erste Nacht im Jahr 2014 verbrachten wir genau an dem Platz wo wir auch Silvester gefeiert hatten. Praktisch, wenn man sein „Bett“ direkt neben der Party stehen hat. Und auf einmal waren alle neidisch auf unseren Van alias unserem „Zuhause“, sodass es dazu kam, dass wir einem Freund gnädigerweise das „Gästebett“ überließen. Als Gast in unserem „Haus“ bekommt man kein Frühstück , sondern eine kostenlose Fahrt in das eigene Heim. Dieser Service kostete uns zwar Sprit, aber wenigstens lernten wir so andere Teile von Sydney kennen. Da wir bei Sydney 1.0 nur die City kennengelernt hatten, war es gar nicht mal so schlecht bei Sydney 2.0 zu erfahren, dass manche Vororte der Stadt größer als Wiesbaden sind. Und da wir gerade schon mal dabei waren, erkundeten wir auch andere neue Dinge, die wir noch nicht kannten. So kam es, dass wir eine spontane Tour zu den Blue Mountains machten. Diese Berge, die etwas außerhalb von Sydney liegen, erstrecken sich bis zum Horizont, und sind unter anderem bekannt für die „three sisters“, 3 Felsen, die vom ganzen Tal aus sichtbar in den Himmel ragen. Die Wälder der Berge sind voll von Eukalyptus Pflanzen, durch die der berühmte blaue Nebel entsteht, der den Blue Mountains ihren Namen gegeben hat. Von der Aussichtsplattform aus konnten wir über das ganze Tal schauen, und den dichten blauen Nebel über den Bäumen betrachten. Wir wanderten über Stock und Stein, kletterten über eine Absperrung um uns oberhalb eines Wasserfalls auf den Felsen zu setzen und aßen Sushi während wir einen fantastischen Blick über die Blue Mountains hatten. Die Natur ist das beste Heilmittel gegen alle Probleme, denn erblickt man so etwas Wunderschönes, kann man kaum glauben, dass es schlechte Dinge auf dieser Welt gibt. 

Der erste Tag in dem neuen Jahr war also ein voller Erfolg… bis zu diesem Zeitpunkt zumindest… . Am Abend fuhren wir mit lauter Musik und voller Übermut durch die Stadt und suchten einen Parkplatz. An einem Hang fanden wir einen, doch musste ich erstmal unseren Van rückwärts den Berg hinaufchauffieren. Im Dunkeln und in vollem Tatendrang fuhr ich viel zu schnell rückwärts, und knallte gegen einen anderen Van, der sich im toten Winkel befand. Es krachte so laut, dass es die ganze Nachbarschaft hätte hören müssen.. da es -hoffentlich- niemand gesehen hatte, fuhr ich in eine Seitenstraße und wir begutachteten den Schaden. Joa, die komplette linke Seite unseres Autos war verschrammt, hinten hatten wir eine Delle und das Glas vom Licht war zersplittert. Das andere Auto sah nicht besser aus. Da wir keine Ahnung hatten wie weit unsere Versicherung griff, begingen wir Fahrerflucht. Ich bin ja wirklich kein schlechter Mensch, aber wenn man minimal Geld besitzt und jeden Tag für ´s Überleben Geld ausgeben muss, wird man manchmal zu einem. Damit muss man auch erstmal klarkommen, denn ich bin eine Person, die ziemlich schnell ein schlechtes Gewissen bekommt und wenn man dann abwägen muss, ob man lieber Geld für Essen und Unterkunft hat oder moralisch gut handelt, bringt das einen an neue Grenzen. Ich hatte ein so schlechtes Gewissen, dass ich irgendetwas Gutes tun musste. So schenkte ich einem Obdachlosen mein ganzes Kleingeld, der mir noch lange und immer wieder „God bless you“ hinterherrief und so strahlte, dass ich auch wieder lachen konnte. Den Abend ließen wir uns von dem Unfall nicht verderben, und warteten vor einer Bar auf Nicki, Calle (einem Freund von Nicki, den wir auch schon länger kannten) & Co, um in Robs Geburtstag reinzufeiern. In der Zeit wo wir warteten lernten wir Engländer kennen, die uns zu Bier und einem Poolspiel einluden, was wir dankend annahmen. Der eine wollte seinen Geburtstag an dem Samstag danach auf einer Yacht im Hafen Sydneys feiern, doch leider mussten wir unsere geplante Reise nach Melbourne bis dahin längst angetreten haben. So ein Mist aber auch! Nachdem wir beim Poolspiel grandios verloren hatten, fuhren wir mit einem Aufzug auf die Dachterrasse in einen Bar-Club, wo wir schließlich den Geburtstag feierten. Um 2 Uhr morgens wurde dieser allerdings zugemacht, was übrigens oft in Australien zu so einer Uhrzeit geschieht. Da wir noch nicht müde waren, beschlossen wir mit Nicki und seinem Freund Calle eine kleine „Hausparty“ in unserem Van zu schmeißen, die sich bis zum Morgengrauen hinzog. Als es hell wurde wollte ich doch noch gerne ein wenig schlafen, weshalb ich in das Hotel der Jungs fuhr und dort liegen blieb, bis ich 2 Stunden später unangenehm von Lisa und Calle geweckt wurde. An dem Tag der Blue Mountains-tour hatten wir den Wasserrutschenpark „Wet and wild“ entdeckt, den ich unbedingt an diesem Nachmittag besuchen wollte. Leider war er viel zu teuer und so schauten wir erst einen Film im Hotel und steuerten danach erst KFC und dann den Bondi Beach an. Unser Van hatte nur zwei Sitzplätze, sodass immer zwei hinten im Bett liegen mussten/durften und sich duckten, sobald die Polizei erschien. Am Strand angekommen, liehen wir uns Surfbretter aus und Lisa erklärte mir mit ihrem Basiswissen aus dem Surfcamp, wie man zum Wellenreiter wird. Ich interessierte mich aber zunächst mehr für mein pinkes Brett und die Fotos, die ich mit ihm machte. Natürlich ging ich auch ins Wasser und versuchte eine Stunde lang zu surfen. Nach den ersten Versuchen stand ich sogar auf meinem rosa Flitzer. Stolz wie Oskar probierte ich es weiter und weiter. In meinem Eifer war ich nur darauf aus, eine freie Stelle zwischen all den anderen Surfern zu finden und entfernte mich von dem sicheren Bereich in den, wo starke Strömungen waren. Mir erklärte später mal jemand, dass die Strömungen in der Mitte der Bucht daher kommen, dass die Wellen von zwei Seiten aus kommen und sich in dieser Mitte treffen, weshalb es dazu kommen kann, dass das Wasser einen raus aufs Meer zieht. Am Strand standen Warnschilder, die ich aus dem Wasser aber nicht sah und so schwamm ich immer weiter in Richtung Mitte um Platz zum Surfen zu haben und keinem anderen Surfer über den Kopf zu fahren. Ich stieg auf mein Brett und wollte die nächste Welle nehmen, als ich herunterfiel und irgendwann merkte, dass ich enorme Kraft anwenden musste, um überhaupt wieder aus dem Wasser herauszukommen und so bekam ich erstmal Panik. Ich sah wie Lisa am Strand nach mir suchte und versuchte irgendwie auf dem Brett angespühlt zu werden, doch der Sog zog mich immer wieder nach hinten. Also stieg ich vom Brett und schleppte mich im Laufen nach vorne, während die Wellen erst gegeneinander krachten und sich dann über mir brachen. Ich kam nur mit den Zehenspitzen auf den Boden und spannte jeden Muskel an um stärker als das Wasser zu sein.  Tatsächlich schaffte ich es, sobald ich mehr Boden unter den Füßen hatte, herauszukommen. An demselben Strand gab es ein paar Tage später eine Hai-Warnung und ich war heilfroh, dass mir das alles nicht genau an dem Tag passiert war. Wir brachten die zwei Jungs schließlich wieder ins Hotel und dann später in die Stadt. Wir parkten unser Auto schließlich in einer der Seitenstraßen in der Nähe von uns bekannten Hostels und ich ging in eines von diesen auf Toilette. Als ich gerade durch die Tür gehen wollte hörte ich wie jemand „Amelie ?! “ sagte und als ich meinen Kopf drehte, standen da doch tatsächlich Bekannte aus meiner Schule : Bella, ihre Freundin Sophia und Leo, mit dem ich mein ABI gemacht hatte. Mal wieder ein toller Zufall! Wir saßen auf der Hostelterasse und unterhielten uns lange, bis alle feiern gingen. Ich war viel zu erschöpft von der letzten Nacht und dem anstrengenden Tag, um sie zu begleiten und holte meinen Schlaf im Van nach. Am nächsten Tag mussten wir dann den unangenehmen Weg zur Polizei antreten, um unseren Unfall zu melden. Wir sagten, uns sei ein Auto reingefahren und habe Fahrerflucht begangen, doch der gelangweilte Polizist fragte nur nach unseren Namen und kritzelte einen kurzen Unfallbericht in Kleinkindschrift in einen Notizblock. Damit war die Sache für mich erstmal vergessen und wir belohnten uns mit einer Shoppingtour durch Chinatown, bevor es dann auf die Autobahn in Richtung Canberra ging. 

Wir waren unglaublich froh unseren kleinen Bus nicht länger durch die Großsstadt zu kutschieren, denn ich hatte auch noch einen Blitzer übersehen, als ich ausversehen in vollster Verwirrung bei den großen Kreuzungen über Rot fuhr. Die Straßen außerhalb von Australiens Städten sind zum Glück einspurige Highways, die sich durch verlassene Landschaften schlängeln. Lisa hatte eine Route nach Melbourne herausgesucht, bei der wir Zwischenstops in interessanten Städten einlegen konnten. Auf Wiedersehen Sydney, hallo nächster Roadtrip.