15. Sydney 3.0

Als ich in Sydney am Flughafen ausstieg, erinnerte ich mich noch haargenau an den Tag, als ich aus Deutschland kam und diese Gebäude das erste waren, was ich von Australien sah. Es kam mir so vor, als ob es nur ein paar Wochen her gewesen war, dass ich aus dem Flughafengebäude trat und alles mit großen Augen zum ersten Mal betrachtete. Da wurde mir mal wieder klar, wie schnell die Zeit vergangen war und wie froh ich war, dass ich diesen Schritt nach Australien gemacht hatte. Zwei Stunden wartete ich am Flughafen auf den Shuttlebus, da es noch sehr früh war. Ich hatte nicht viel während dem Nachtflug geschlafen und war totmüde, doch zum Ausruhen kam ich nicht sobald ich das Hostel betrat. Ich war als einzige Backpackerin mit Rucksack UND großem Koffer hierher gereist, hatte meinen Koffer allerdings bei meiner Organisation gelassen, wie ich schon einmal berichtete. Diesen musste ich zunächst abholen und hatte endlich wieder alle meine Klamotten und Schuhe, was mich total freute und von der Müdigkeit ablenkte. Ich ging in die Stadt um dort zu shoppen und mein letztes Geld für spaßige Sachen auszugeben . Ich verbrachte ewig an meinen Lieblingsplätzen in Sydney : In der Opera Bar mit Blick auf die in der Sonne leuchtende Skyline, vor dem Opera Haus mit Sicht auf die Harbour Bridge und im großen botanischen Garten. Alles fühlte sich so vertraut an, als ob ich nach Hause gekommen war. Erschöpft fiel ich abends ins Bett und wurde am nächsten Morgen von der Musik von Jake Bugg geweckt. Mein Roommate Lucas liebte es nämlich nach dem Aufstehen aufzudrehen. Da schönes Wetter war, ich nichts vor und er frei hatte, fuhren wir zusammen nach Bondi und machten den “Bondi Beach Walk” entlang der Küste. Dies ist ein schmaler Weg, der an vielen Buchten und Stränden vorbeiführt und der auf und ab über die Klippen führt. Das Wasser war herrlich blau und krachte mit voller Wucht gegen die Felsen, während wir Treppen, Kurven und Berge hinter uns ließen. In jeder Bucht versteckte sich ein anderer Strand an denen wir manchmal Pausen einlegten, um die Sicht zu genießen. Die ganze Zeit über begleiteten uns Schokolade und Musik. Ich liebte es in Australien spontan mit Leuten solche Ausflüge zu machen, ohne dass es gleich als Date abgestempelt wurde. Später am Tag lernte ich Linda kennen, eine Deutsche die zu uns ins Zimmer gezogen war. Auch mit ihr verstand ich mich gut und ging gleich am nächsten Abend mit ihr und den anderen aus dem Hostel feiern. Doch noch bevor wir uns auf den Weg in den Club machten, wartete eine Überraschung auf mich. Vor dem Hostel stand plötzlich Josh aus Darwin! Er war mir einfach hinterher geflogen und besuchte nun mich und seine Freunde in Sydney. Ich war natürlich komplett überrascht, weswegen sich das Feiern erstmal verzögerte. Doch schließlich feierten wir doch noch zu guter Musik bis der Club zumachte. In den nächsten Tagen zeigte ich Josh Sydneys schönste Plätze und wir genossen deutsches Bier in der Opera Bar. Da er ein Australier mit zu viel Geld zum ausgeben war, durfte ich das Wochenende in einem eigenen Hotelzimmer mit Blick auf den Hafen und die Skyline verbringen. Ein privates Zimmer für sich zu haben war nach den vielen Monaten im Hostel Luxus und las ich eines Nachts spät in mein Zimmer kam, bestellte ich mir im Halbschlaf Frühstück ins Zimmer. Morgens klopfte es dann an der Tür - ich hatte ganz vergessen, dass ich Essen bestellt hatte und war überrascht- und das Hotelpersonal brachte mir meine Pancakes mit Obstsalat und frisch gebrühtem Kaffee. Nach so einem Start konnte ich gut in den Tag starten. Mal wieder ging es zum Schießen. Ich wurde von Josh und seinem Freund auf den Rücksitz des Autos neben einen Schäferhundwelpen gepackt und wir fuhren lange Zeit bis hin zu einem privaten Grundstück, wo wir mit echten Army- Waffen auf Dosen schossen. Ich dachte, dass ich nach Darwin nie wieder schießen könne, doch endlich war es nun wieder soweit. Es mache einfach tierischen Spaß und gab einem das Gefühl von Respekt und Macht. Auf dem Rückweg fuhren wir wie Verrückte über das Feld des Grundstücks und hinterließen dicke Bremsspuren im Gras. Auf der Fahrt zurück in die Stadt schmuste ich mit dem Welpen und war ganz verzückt. An diesem Tag hatte ich so viel Adrenalin im Körper, dass ich direkt meinen Skydive für den übernächsten Tag buchte. Die Zeit bis dahin verbrachte ich mit Pancakes im Hotelbett am Morgen, erkundete tagsüber die Stadt und war Abends auf einer Geburtstagspart. Ich war schon ziemlich aufgeregt bald aus einem Flugzeug zu springen, weshalb ich die Nacht vorher auch nicht sonderlich gut schlafen konnte. Früh am Morgen, als es noch dunkel war, holte der Shuttlebus mich und andere Backpacker aus der Stadt ab und brachte uns zum weit enfernten Strand von Woolongong. Angekommen beim Skydive Club wurden wir in die Risiken und Sicherheitsvorkehrungen eingeführt und in Springanzüge sowie Geschirr gesteckt. Jeder hatte jeweils einen erfahrenen Springer hinter sich, der einen zuerst interviewte bevor es in den nächsten Bus zum Flughafen ging. Dort wartete schon eine kleine blaue Propellermaschine auf uns, die uns auch schon kurze Zeit später in die Luft manövrierte. Ich hatte mir den perfekten Tag für einen Fallschirmsprung ausgesucht, da kein Wölkchen am Himmel war und die Sonne mit voller Kraft die Landschaft unter uns in freundliches Licht tauchte. Ich presste mein Gesicht fast gegen das Fenster, als ich die Aussicht über den Strand und das Meer sah. Der Typ mit dem ich springen sollte, filmte mich die ganze Zeit für mein Video und schnallte mich auch schon mal vor sich. Dann öffnete sich die Tür des Flugzeugs und die ersten zwei Paare sprangen kurz hintereinander heraus. Dann war ich an der Reihe. Als mir befohlen wurde mich mit den Beinen nach draußen an den Rand zu setzten raste mein Herz vor Aufregung und Freude zugleich. Bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte wie hoch ich über dem Boden war, fielen wir auch schon nach unten. Wir drehten uns zuerst auf den Rücken, sodass ich sehen konnte wie sich das Flugzeug über mir entfernte und sah schließlich den Boden unter mir immer näher auf mich zukommen. Ich hatte nur in den ersten drei Sekunden dieses bekannte Fallgefühl , doch dann war es weg und das Fallen fühlte sich mehr wie fliegen an. Eine ganze Minute dauerte der freie Fall bis sich der Fallschirm ruckartig öffnete. Ich war total überwältigt von der Aussicht und dem Freiheitsgefühl und bekam deshalb zuerst gar nicht mit, dass ich den Fallschirm auch mal lenken durfte. Viel zu schnell kamen wir am Boden an und ich war überglücklich. Wir bekamen alle Urkunden und unsere Fotos und Videos in die Hand gedrückt und ich verbrachte noch einige Zeit am Strand an dem wir gelandet waren und sonnte und relaxte nach der ganzen Aufregung. Am Abend verabschiedete ich mich von Josh, der wieder zurück nach Darwin flog und feierte später mit Freunden aus Melbourne, die für eine Nacht in Sydney waren, dass ich den Sprung aus einem Flugzeug überlebt hatte. Die letzte Woche in Australien war angebrochen und ich nahm mir vor, mein Geld für die Dinge auszugeben, die ich unbedingt machen wollte, aber immer lieber gespart hatte. So verbrachte ich nochmal einen Tag an dem Watsons Bay, wo ich einen meiner ersten perfekten Tage in Australien erlebt hatte, gönnte mir dort aber diesmal das teure Essen im Strandrestaurant. In der Stadt kaufte ich mir Karten für ein berühmtes Ballettstück im Opera Haus und ging eine Menge mit meinen Freunden weg. Ich hatte viele Zweifel gehabt, ob ich in dieser kurzen Zeit in Sydney noch richtig gute Freunde finden würde, die mich davon ablenken konnten, dass ich nicht mehr mit Lisa unterwegs war. Doch schon nach ein paar Tagen war das ganze Hostel zu einer riesen Familie geworden und wir verbrachten jede Nacht in einer großen Gruppe in irgendeinem Club Sydneys. In einem davon sah ich den DJ , der eine Woche zuvor schon im Ivys aufgelegt hatte und begrüßte ihn. Er erkannte mich wieder und fragte, ob ich nicht Lust hätte bei einem Tanzkontest mitzumachen. Meine Freundin grinste mich nur an und ich nickte ebenfalls grinsend. Wir tanzten die ganze Zeit über, bis der Aufruf kam und ich verschwand in den Backstagebereich um mich fertig zu machen. Die Prozedur war mir ja schon bekannt und mal wieder war ich das Mädchen mit der meisten Kleidung an, keinem Haarspray in den Haaren und keiner Makeup Schicht im Gesicht. Auf der Bühne lief alles so ab wie bei allen anderen Competitions und von den 10 teilnehmenden Mädchen sahnte ich schließlich wieder das Geld ab. Das war perfekt um am nächsten Tag viele Souvenirs für Freunde und Familie zu kaufen. Am nächsten Tag kam Josh mit einem Kumpel erneut nach Sydney geflogen und ich lernte Freunde von den beiden kennen. Wir blieben alle im Hilton Hotel mitten in Sydney und ich hatte mal wieder ein Zimmer für mich. Das Bett war viel zu groß und von dort aus konnte ich einen Knopf bedienen, der für den Rolladen der Fensterfront gedacht war. In der ersten Nacht gingen wir ins Kino und so kam ich in mein Hotelzimmer, als es schon dunkel war und die Fenster schon verdunkelt waren. Am nächsten Morgen betätigte ich den Knopf und als sich die Fenster freimachten, blickte ich auf die umliegenden Hochhäuser, es war atemberaubend schön. Natürlich gab es bei solch einer Aussicht vom Bett auch wieder Frühstück im Zimmer. Die letzten Tage wurde ich im Hilton behandelt wie eine Prinzessin, sodass ich schon bevor ich wieder in Deutschland war. von dem Hostelleben runterkommen konnte. Am vorletzten Tag buchten Josh und ich uns dann für den Harbour Bridge Climb ein. Bevor wir die Brücke hochklettern durften wurden wir durch das Museum geführt, wo man Tshirts kaufen und Fotos von dem Bau der Brücke betrachten konnte. Eine Stunde lang wurden wir auf den Climb vorbereitet, bekamen Kletteranzüge an und Sicherungen an unser Geschirr. Dann ging es los und ich war ganz vorne hinter unserem Leader. Als wir den Weg unter der Brücke entlang liefen, wurde mir ganz komisch in den Beinen. Durch das Gitter, auf dem wir liefen, konnte man den 20m entfernten Boden sehen und da ich Höhenangst habe, war es zunächst kein Zuckerschlecken für mich. Erst als wir auf der Brücke hochkletterten wurde der Weg breiter und man konnte nicht mehr durch den Boden sehen. So konnte ich die Aussicht über Sydney genießen. Zwei Stunden dauerte der ganze Weg über die Hälfte der Brücke und mir klopfte das Herz durchgehend. Nicht nur, weil das Klettern an sich aufregend war, sondern auch vor Verliebtheit beim Blick auf einer meiner Lieblingsstädte. Die Sonne stand schon tief, als wir den Höhepunkt erreichten und ich atmete die frische Luft dort oben ein, in der Hoffnung, ich könnte sie auf ewig in mir halten. Doch schließlich endete auch dieser Tag und der Letzte in meiner Zeit in Australien begann. Ich fuhr mit einer Freundin auf einer Fähre zum Manly Beach und wir schliefen beide am weißen Strand ein. Den ganzen Tag verbrachten wir dort, gingen essen und lachten viel. Ich dachte aber auch viel nach und wurde sentimental. Kurz bevor es dunkel wurde, kaufte ich mir ein Ticket für den Westfield Tower, einem riesengroßen Aussichtsturm, von dem aus ich über Sydney blicken konnte. Das letzte Mal wollte ich diese Stadt im Hellen von oben sehen und nahm mit der untergehenden Sonne endgültig Abschied. Vor dem Hostel wartete schon der Shuttlebus zum Flughafen, ich verabschiedete mich wie in Trance von allen Freunden und konnte es auch auf dem Weg durch die Stadt noch nicht fassen, dass diese Zeit zu ende war. Der letzte Tag und der Abschied gingen viel zu schnell vorbei, sodass ich es noch kaum realisieren konnte. Auch als ich im Flugzeugs saß war ich noch lange nicht bereit. Der Moment als das Flugzeug den australischen Boden verließ brach mir fast das Herz. Ich dachte über alles nach, ob ich wollte oder nicht, Filme und Musik konnten mich auch nicht ablenken: 

Ich hatte die Zeit meines Lebens in diesem Land erlebt, ich durfte Freundschaften mit wunderbaren Leuten schließen, hatte die Liebe gefunden, sie wieder verloren, war die meiste Zeit glücklich und unbeschwert gewesen. Ich hatte mich selber besser kennengelernt, hatte mich bis an meine Grenzen gebracht und war stärker geworden. Ich bin zu wundervollen Orten gereist und habe die Natur, sowie das Leben ganz nah spüren können. Ich bin immer noch mehr als glücklich diese Reise gemacht zu haben und würde es immer wieder tun, wenn ich könnte. Ich dankte Gott für diese Chance und all den Leuten die diese Zeit noch so viel besser gemacht hatten. Ich werde das alles niemals vergessen! ... 

Und dann machte es einen Ruck, das Flugzeug setzte auf, ich war wieder in Deutschland. Immer noch in Trance, sammelte ich mein Gepäck ein und fiel meinen Eltern in die Arme.