Meine Ausbildung zur Yogalehrerin

Mein Blogeintrag über das YTT (Yoga Teacher Training) ist eine geschriebene Mischung aus einer Art Tagebuch und Erfahrungen, die mir besonders aus der Zeit in Erinnerung geblieben sind. Jeder, der wissen möchte, wie so ein Yogakurs ist, was man so lernt etc. ist hier gut bedient. Der Übersicht wegen sind die vielen Seiten in Kapitel aufgeteilt.

 

Kapitel 1- Der erste Tag beim YTT und wie ich Sam kennenlernte

 

In der ersten Nacht auf Nusa Lembongan fiel es mir schwer einzuschlafen, denn mehrere Mücken plagten mich. Nachdem ich endlich zu träumen begann, vibrierte mein Handy und ich schreckte erneut hoch. In unserer Facebook Yoga Gruppe, in der alle Infos standen, gab es eine neue Mitteilung. Auf meinem Bildschirm stand groß „POST EARTHQUAKE TSUNAMI WARNING“ und ich brauchte einige Sekunden, um meine verschlafenen Augen an diese erschreckenden Worte zu gewöhnen. Kaum hatte ich sie entziffert, saß ich senkrecht in meinem Bett und dachte „Ich bin noch nicht bereit für einen Tsunami!“. Ich beschloss meine aufsteigende Panik erst einmal herunterzuschlucken und den Text zu lesen, der unter der markanten Überschrift stand. Tief atmete ich durch und las dann, dass es zuvor noch mehr Einträge zu diesem Thema in der Gruppe gegeben hatte. Der Kontext erschloss sich mir: Eine unserer Yogalehrerinnen, ihr Name ist Thia, hatte der Übersicht wegen, einzelne Posts gemacht, um uns auf einen EVENTUELLEN Tsunami vorzubereiten.  Erleichtert legte ich mich wieder ins Bett und gab mich der unruhigen Nacht hin. Danke für den Schock.

Am nächsten Morgen ging es mir noch nicht besser, denn ich vermisste Nicki noch schrecklich und hatte Angst vor diesem Tag. Ich schrieb in mein Tagebuch, um meine Gedanken zu ordnen und wieder flossen diese dummen Tränen. Ich war endlich dort, wo ich die ganze Zeit hinwollte und nun heulte ich! War ich wirklich SO sensibel?! Das machte mich wütend und ich versuchte meine gequollenen Augen irgendwie zu verstecken. Schließlich traute ich mich raus zum Frühstück ins anliegende „Ginger&Jamu’s“ (folgend abgekürzt durch ‚G&J’s). Als ich aus der Tür meines Bungalows ging, saß gegenüber vor einem der kleineren Zimmer eine junge Frau, die auf ihrem Handy herumtippte. Ihre blonden Haare waren zu einem Dutt gebunden und sie trug eine hübsche dunkelgrüne Yogahose mit Mustern darauf. Ihr unschuldiges Gesicht schaute schüchtern durch die Gegend und ihre braunen Augen trafen meine Blauen. In dem Moment dachte ich darüber nach zu ihr hinzugehen und mit ihr zu reden, weil sie mit Sicherheit bei dem Yogakurs mit dabei war. Da ich mich aber nicht so gut fühlte, ging ich weiter und hörte auf mein Herz. Das signalisierte mir in dem Moment, wo ich sie sah, ein vertrautes Gefühl der Sicherheit. Ich wusste tief in mir drinnen, dass ich noch mit ihr reden würde und ging deshalb weiter zum Frühstück. Im G&J’s saßen überall fröhliche Menschen in Sportklamotten, die sich schon kannten und sogar zusammen meditierten. Ich nahm an, dass dies Leute aus meinem Kurs seien und fühlte mich schrecklich einsam. Alleine am Tisch, aß ich nur die Hälfte meines viel zu teuren Chia Puddings der komischerweise mit Ingwer zubereitet wurde. „Woher kennen sich die vielen Leute schon und wieso kenne ich noch niemanden? Ich hätte mit dem blonden Mädel reden sollen!“. Ich machte mich auf den Weg zum „Welcome Circle“, der Kennenlernrunde.

In der Facebookgruppe war am Tag zuvor ein Meetingpoint gepostet worden, von dem ich dachte es sei der Punkt an dem wir uns zum Kennenlernen treffen würden und marschierte mit Google Maps in der Hand los. Das schmale Gässchen das ich entlangging, kannte ich schon von meiner Ankunft. Mir kamen viele einzelne junge Frauen entgegen die danach aussahen, als würden sie ebenfalls zum Yogakurs wollen. Sie schienen aber recht zielstrebig in meine entgegengesetzte Richtung zu laufen. Verwundert schaute ich noch einmal in die Facebookgruppe und stellte fest, dass sich auch dieser Meetingpoint auf diesen blöden, nicht vorhandenen Tsunami bezogen hatte und ich in die falsche Richtung lief. Auf der Stelle machte ich kehrt und ging zur Yogashala, deren Eingangstreppe in den Innenhof meiner Unterkunft hinunterführte. Dort standen schon alle anderen und warteten darauf, dass das kleine Tor vor der Treppe aufgemacht wurde. Ich setzte mich hin ohne auch nur ein Wort mit jemandem zu reden und beobachtete die einzelnen Persönlichkeiten. Viele quatschten schon ausgelassen und stellten sich vor, doch ich war noch lange nicht in Stimmung Smalltalk zu führen. Keiner der Menschen dort war einer von denen, die ich beim Frühstück beobachtet hatten. Dies waren wahrscheinlich die Leute aus dem letzten Kurs gewesen. So also würden wir uns alle nach dieser Zeit verstehen: viele Freunde, viel Lachen, meditieren beim Frühstück… ich war gespannt.

Schließlich wurde das Tor von Johanna, einer der Yogalehrerinnen, geöffnet. Wir mussten uns alle anstellen, um auf der Teilnehmerliste abgehakt zu werden. Als ich an der Reihe war fiel mir auf, dass ich verpeilt hatte die Hausaufgaben für den ersten Tag rechtzeitig einzureichen. Zum Glück war ich bei einem Yogakurs, wo so etwas nicht zu ernst genommen wird. Zum ersten Mal betrat ich die wunderschöne Yogashala. Da sie über dem G&J’s lag, bot sie einen wahnsinns Blick auf den Strand und das türkisblaue Meer. Genauso blau wie das Wasser, war das riesige gemalte Herz auf dem Boden der Shala, das von einem Kreis aus vielen bunten Kissen umgeben war. Auf denen saßen schon ein paar Leute und ich setzte mich auf eines, was weit weg von den anderen Menschen war. Es dauerte nicht lange, da setzte sich jemand direkt neben mich und sagte:„Hi, I’m Sam“. Es war das Mädchen in der grünen Hose und mein Herz machte gleich einen Hüpfer, denn auch wenn ich schlechter Stimmung war, hatte ich doch gehofft ich würde mit ihr in Kontakt kommen. Wir fingen mit dem üblichen Smalltalk an und ich fühlte mich bei ihr gleich wohl. Schon an diesem Abend sollten wir unzertrennliche Freundinnen sein. Als schließlich jeder auf einem Kissen am Boden saß, wurde der kommende Monat von unseren Yogalehrerinnen eingeläutet. Eine von ihnen sagte, dass die nächsten Wochen wie im Flug vergehen würden, und ich dachte nur „hoffentlich“, denn dass ich Nicki vermisste, hatte sich in dieser einen Stunde nicht geändert und überschattete alles andere (zumindest in den ersten zwei Tagen). Der Reihe nach stellten wir uns vor und es war interessant zu sehen, dass von 28 Leuten nur zwei Männer dabei waren, die sich zum Glück später beide in meinem Freundeskreis befanden.

Bevor ich nach Bali flog, fragte mich ein Freund, was ich für Vorstellungen und Erwartungen an diesen Kurs habe und ich musste kurz überlegen. Die Leute in diesem Kurs stellte ich mir so vor, dass die meisten Hippies waren, die alle total geerdet durchs Leben laufen, super lieb sind, ich aber mit diesem Extrem nicht zurechtkommen würde. Ich hatte mir jedoch immer ausgemalt, dass ich mich wahrscheinlich mit ein/ zwei Personen besonders gut verstehen würde. Niemals hätte ich gedacht, dass ich gleich eine Familie finden würde. Doch noch kannten wir uns alle nicht gut genug und jeder überlegte sich wohl in diesem Moment, mit wem man sich wohl zukünftig gut verstehen würde.

Zu Anfang wurden die Abläufe vorgestellt und eine der Yogalehrerinnen erklärte uns, dass wir in die sogenannten „Karmagruppen“ eingeteilt werden, die immer für das Saubermachen der Shala zuständig sind. Es hieß: jeden Tag solle die nächste Gruppe auf der Liste nach unserem Unterricht Mob, Lappen und Staubsauger rausholen um dann „mindfully“ alles sauber zu machen. Ich war zunächst davon überzeugt, dass das ein schlechter Witz war und schaute mich um, ob ich die Einzige war, die davon gar nicht begeistert war. Sie hatten es geschickt gemacht es so darzustellen, als sei es nicht nur eine Reinigung der Shala, sondern auch eine Reinigung der Seele. Es hätte mich in diesem Moment nicht gewundert, wenn wir das Klo mindfully hätten putzen müssen. Wir erfuhren zudem, dass wir jede Woche Hausaufgaben abgeben mussten, um später unseren Schein zu bekommen. Doch wir sprachen auch über positive Dinge im Welcome Circle: Als erstes manifestierten wir unsere Intention, die uns hergebracht hatte und stellten diese der gesamten Gruppe vor. Wir mussten außerdem unsere Definition von Yoga mitteilen. Für mich war Yoga die Praxis, durch Selbstbewusstsein, Kraft, Balance und der richtigen Atmung, mit Körper und Geist eins zu werden. Für Santosha war es: „A YTT (Yoga Teacher Training) is about coming to know yourself on a deeper level. This involves stilling the mind and learning to become aware of thoughts, actions and words. A YTT is not only about asana, because it is not an asana practice.“ An diese Definition musste ich mich erstmal gewöhnen, da Yoga für mich bisher immer nur Sport gewesen war. Auch jetzt noch ist es meine Lieblingsart den Körper zu ‚shapen‘, aber ich weiß und liebe, dass da noch mehr dahintersteckt. Yoga bedeutet auf Sanskrit ‚chitta vritti‘, die Bewegung des Geistes. Es ist die Reflexion des Geistes, die Einheit von Geist und Körper und die gesamte Praxis ist dafür da, ein tieferes Verständnis des eigenen Selbst zu erlangen (also Selbstbewusstsein) und dadurch mehr Selbstliebe zu erfahren. Diese Definitionen waren das erste, was ich in mein hübsches Notizbuch schrieb, das mir mein Dad für diesen Kurs geschenkt hatte.

Der Stundenplan war vollgestopft und jeden Morgen mussten wir um 5:30 Uhr in der Shala sein. Ich stellte mich darauf ein, dass es hier nicht viel Freizeit gab und Handys waren in der Shala auch verboten. Aber was sollte ich machen, ich war nun hier und hatte viel Geld bezahlt um das, was ich mir Monate vorher in den Kopf gesetzt hatte, nun endlich durchzuziehen. Ich fokussierte mich darauf, dass das Ziel des Ganzen ein Zertifikat war, von dem ich seit einem Jahr träumte. Ich wohnte, lernte, aß und praktizierte Yoga am Strand ohne diesen den nächsten Monat verlassen zu müssen. Nachts hörte ich in meinem Bett die Wellen rauschen und von der Yogashala aus blickte man direkt auf das türkise Meer. Diese Erkenntnis und die baldigen Freundschaften überlagerten meine anfängliche Einsamkeit, sodass ich eine unbeschreiblich schöne Zeit haben sollte. An diesem Abend ging ich mit Sam und ein paar anderen Mädels aus dem Kurs essen. Ich merkte mal wieder wie aufgeschlossen nicht-deutsche Frauen sind und fühlte mich direkt wohl…zumindest was meine Gesellschaft anging. Denn: Als ich abends zurück in meinen Bungalow kam und unter die Dusche hüpfen wollte, hörte ich es rascheln und als ich mich umdrehte rannte eine Kakerlake über den Fußboden. Sie musste wohl durch die nicht ganz geschlossenen Wände meines Badezimmers reingekommen sein und ich bemerkte, dass sie nicht die einzige war. Ich sprühte mein Deo solange auf das Vieh, bis es sich nicht mehr bewegte und duschte so schnell ich konnte, um ins andere Zimmer zu rennen und dann die Tür fest zuzuschließen. Angeekelt legte ich mich in mein Bett und versuchte nicht daran zu denken, dass die Viecher auch im Schlafzimmer sein könnten.  Ich musste um kurz nach 5 aufstehen, um rechtzeitig bei Sonnenaufgang in der Yogashala zu sein und brauchte daher erholsamen Schlaf.

Der erste Morgen war hart, ich war hundemüde und wollte einfach nur liegenbleiben. Wie sollte ich das einen ganzen Monat jeden Morgen aushalten?! Ich versuchte im Moment zu leben und nicht an die Müdigkeit von Morgen zu denken, zog meine Yogasachen an und tappte in die warme Dunkelheit nach draußen. Es dauerte nur wenige Schritte und schon hatte ich die Treppenstufen zur Shala erreicht. Vor deren Eingang standen Gefäße voller Wasser, in denen man seine Füße vom Sand befreien musste, bevor man nach oben gehen durfte. Dort standen schon Einige aus meinem Kurs in einer Schlange und flüsterten die ersten Worte des Tages. Im Kursraum nahm sich jeder ganz still und leise seine Yogamatte und so viele Kissen wie man wollte, um sich dann auf die Matte zu legen und im Savasana (Yogaposition in der man auf dem Rücken liegt) weiterzudösen. Um 5:45 Uhr wurde man langsam aus der Pose rausgeholt, indem sich nun unter Anleitung auf die Atmung konzentriert wurde. Nach und nach kamen Yogaposen hinzu, die einen zärtlich wach machten. Der gesamte Flow war nicht zu anstrengend und dauerte, wie auch in den folgenden Wochen, 90 Minuten in denen man von alleine wach wurde. Während wir uns zu Thias Stimme bewegten, wurde der Himmel immer rosaner und schließlich tauchte die Morgensonne alles um uns herum in ein leuchtendes Orange. Man erkannte nun den Vulkan Balis am Horizont, sah die Weite des Meeres und hörte auch schon die ersten Mixer für die Smoothie- Vorbereitungen aus dem G&J unten drunter. Mit Yoga in den Tag zu starten ist einfach herrlich, denn man streckt und dehnt sich die Müdigkeit aus den Knochen und fühlt sich wunderbar für den Tag gerüstet.

Nach dem Yoga hatten wir genug Zeit ausgiebig zu frühstücken und uns für den kommenden Unterricht frisch zu machen. Zusammen saßen wir direkt am Meer und aßen die ersten Smoothiebowls aus dem Restaurant, die genauso teuer wie die in Australien waren. Ich hatte nicht eingeplant so viel Geld für Essen auszugeben, ich war ja schließlich auf Bali! Zum Glück war ich nicht alleine mit der Suche nach alternativen, billigeren Cafés. Ich fand es zudem ziemlich dreist in einem armen Land ein Restaurant zu öffnen und Preise zu verlangen, die selbst für Deutsche zu teuer waren. Doch bevor ich mit den anderen nach Alternativen suchte, sollte es erstbeinmal mit dem Unterricht weitergehen.

 

Kapitel 2- Anatomie, mein Zusammenziehen mit Olaf und Morgenroutine

 

Die ersten drei Tage stand Anatomie auf dem Plan, was zwar interessant, aber auch unglaublich anstrengend war. Unsere Lehrerin versuchte alles was sie in drei Jahren Studium gelernt hatte, in drei Tagen für uns zusammenzufassen. Das war natürlich viel Stoff, aber sie machte auch deutlich, dass sie nicht von uns verlangte, dass wir uns alles merken konnten. Wir lernten, dass es einmal den physischen Körper gibt und einmal den emotionalen Körper, dass das Ziel vom Yoga immer zuerst eine lange Wirbelsäule war und demnach einen gesunden, geraden Rücken zu haben und wie man am besten ein- und ausatmete. Was ich ziemlich interessant fand, war der Gebrauch des Beckenbodenmuskels und des unteren Bauchmuskels, um den Rücken zu schützen. Der Beckenboden ist der Muskel, den man anspannt, wenn man Pipi muss und dieses zurückhalten will (anschaulich formuliert). Es fühlt sich an wie ein kleiner Muskel, da man diesen nicht oft verwendet und es braucht viel Übung diesen zu trainieren. Er ist aber sehr wichtig, um bei Bewegungen in der Einatmung den unteren Rücken zu schützen und die Wirbelsäule lang zu lassen. Dasselbe gilt für den unteren Bauchmuskel (lower abdomen), den man bei der Ausatmung anspannt und den man reißverschlussartig vom Becken bis nach oben zum Bauchnabel anspannt. Wir übten beide Muskeln so zu nutzen, wie wir es auch während der Yogapraxis vornehmen sollten. Mich wunderte, dass ich vorher noch nie etwas über die Verwendung der beiden Muskeln beim Yoga gehört hatte, da es doch so wichtig war den Rücken zu schützen. Ich sollte noch so einige weitere Male merken, dass Santosha besonders viel Wert auf intelligentes und beschützendes Yoga legte. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen, da ich bisher immer eher der stürmische Typ war und mein Ego mich oftmals zu sehr gepusht hatte.

Die ganze Zeit über, in der wir sehr viel Input über den menschlichen Körper bekamen, saßen wir auf bunten Kissen auf dem Boden der Shala. Ich saß immer neben Sam und wir versuchten jedes Mal einen Platz an der Wand zu erlangen, um wenigstens mal den Rücken anzulehnen. Die anderen mussten im Schneidersitz mit kerzengeradem Rücken mehrere Stunden sitzen bleiben, Notizen machen und konzentriert zuhören. Mit jeder neuen Stunde Anatomieunterrichts rutschten alle ein wenig tiefer in ihrer Sitzposition und die Rücken wurden runder und buckliger. Es war sehr anstrengend immer so gerade zu sitzen, auch wenn man ja wusste, dass man bestenfalls immer so sitzen sollte.

Wir waren alle froh, als es endlich die einstündige Mittagspause gab. Ich ging zu meinem Bungalow zurück und musste feststellen, dass ich mal wieder eine Kakerlake in meinem Badezimmer sitzen hatte. Es war ekelhaft mir vorzustellen, dass die überall langhuschten, wo mein Schrank ohne Türen war und wo meine Zahnbürste so offen herumstand. Daher bat ich Luna, eine Mitarbeiterin bei den Bungalows, die Kakerlake zu entfernen. Damit hatte sie überhaupt kein Problem und dachte wohl, was für eine verwöhnte Tussi ich sein musste, dass ich das Tier nicht selber mit bloßen Händen am Fühler nehmen und wegschmeißen konnte. Ich bedankte mich viel zu häufig bei ihr und ging schließlich zurück zum Strand ohne etwas zu Mittag zu essen, da ich die Sonne genießen wollte. Ich beschloss auch in Zukunft auf das Mittagessen zu verzichten um Geld zu sparen und mehr vom Strand zu haben. Ich aß immer nur Sojariegel (die verdammt lecker waren) und Nüsse. Auch das war gewöhnungsbedürftig, aber nach einer Weile gewöhnte ich mich daran. Der Unterricht ging jeden Tag nach zwei Uhr bis fünf Uhr weiter und wie ich bereits sagte, stand in den ersten Tagen viel Anatomie auf dem Plan.

Inhaltlich ging es damit weiter, dass man in jeder Pose aufmerksam beobachten sollte, wie die Muskeln und Knochen/Gelenke reagieren. Dies war besonders wichtig um herauszufinden, wie weit der eigene Körper gehen kann, wo die eigenen Grenzen liegen und was er vielleicht schon kann, ohne dass wir es bisher wussten. Man musste nur erkennen, ob der Schmerz ein „guter“ Dehnungsschmerz im Muskel war oder ein „schlechter“ Schmerz bspw. in der Hüfte, im Gelenk oder im Rücken. Besonders interessant war, dass jeder einzelne Körper anders ist und manche Menschen in bestimmten Posen enorm flexibel sind, aber dafür in anderen Posen kaum. Manche Menschen haben besondere Bewegungsfähigkeiten in den Schultern, aber zu kurze Arme, um andere Posen zu schaffen. Andere wiederum schaffen eine Haltung nur auf einer Seite und haben ein Defizit auf der anderen. Bei jeder besonderen Eigenschaft die im Unterricht besprochen wurde, fragten die Lehrer, ob jemand aus unserem Kurs diese Eigenschaft hat, um diese dann vor dem gesamten Kurs vorzuzeigen. Das war sehr amüsant, da man so sehen konnte, wie verschieden jeder Einzelne von uns war. Als YogalehrerIn musste man schließlich auch wissen, dass es SchülerInnen gibt, die unterschiedliche Möglichkeiten und Grenzen haben. Ich war mehrere Male als Vorzeigekandidatin vorne, da ich hyperflexible Beine (meine Beine können sich weit in die andere Richtung beugen; sieht nicht so attraktiv aus) und Engelsflügel (die Schulterblätter stehen heraus) habe. Ich wusste selber nicht, dass das solche besonderen Eigenschaften sind. Es war komisch und amüsant zugleich, dass man in der Mitte stand und jeder einmal um einen herumging, einen betrachtete und auch mal anfasste. Ich lernte also tatsächlich mehr über mich selbst, obwohl ich am Anfang immer etwas arrogant dachte „Ich kenne mich am besten und ich weiß schon alles über mich, was wollt ihr mir da Neues erzählen?!“. Generell hatte ich zu Anfang eine abneigende Haltung gegen alles Neue, denn ich wollte nicht einsehen meine „Tasse zu leeren, um neues Wissen einlaufen zu lassen“. Es wurde uns immer wieder gesagt mit einem „beginners mind“ zu lernen, doch irgendwas in mir weigerte sich. Ich weiß nicht warum das so war und auch jetzt noch manchmal so ist, aber es ist schwer sein Ego zu überwinden, bzw. sich erstmal einzugestehen, dass da das Ego spricht und nicht das „wahre Ich“ (Zum Ego später mehr). So war es dann auch nach der Yogastunde am frühen Abend, als wir uns zusammen in den Kreis setzten und gemeinsame Mantras sangen. Ich wehrte mich deshalb innerlich dagegen, weil mir das zu spirituell war und ich es übertrieben fand, wie sich so manche beim Singen richtig gehen ließen. Ich musste mir oft das Kichern verkneifen, aber ich war, wie ich später von meinen Freunden erfuhr, wieder mal nicht die Einzige. Als wir aber so dasaßen und sangen, verdunkelte sich der Himmel und es fing an zu schütten und laut zu donnern. Ein erfrischender Windstoß kam ab und an durch die geöffneten Fenster und pustete die weißen Gardinen weit in den Raum hinein. Ich schloss die Augen und bekam sogar Gänsehaut, weil unser immer lauter werdender Gesang sich vereinte und im ganzen Raum gemeinsam mit dem Donner vibrierte. Es war irgendwie magisch, das musste ich mir eingestehen.

Am Ende des Unterrichts musste die erste Karmagruppe (nämlich meine) die Shala putzen, während die anderen ihre „mindful meditation“ durchführen sollten. Diese konnte man so angehen wie man wollte, denn Meditation geht nicht nur im stillen Sitzen, sondern auch in der Bewegung. Manche aus der Gruppe gingen daher am Strand spazieren, andere schwammen 15 Minuten im Meer oder saßen im Schneidersitz am Strand und wieder andere meditierten gar nicht. Anschließend sollte jeder in einer Art Tagebuch aufschreiben, was die Meditation mit einem machte. Dann hatten wir alle endlich Feierabend! Als ich dann schon wieder eine Kakerlake in meinem Badezimmer hatte, ging ich zur Rezeption und fragte freundlich und beschämt zugleich, ob ich den Bungalow wechseln durfte. Ich fühlte mich schlecht, weil es für Balinesen nichts Schlimmes ist mal solche Tiere irgendwo zu haben und ich mir wie eine verwöhnte Tussi vorkam. Wenn man nicht viel Geld und Luxus hat und zudem auf Bali lebt, dann sind Kakerlaken eben nicht das größte Problem. Zum Glück nahmen sie mir das nicht böse, denn jeder dort war sehr gastfreundlich. Mir tat der Stress, den sie durch meinen Umzug hatten, leid. Zum Glück gab es noch einen freien Bungalow in den ich direkt einziehen konnte. Ich sagte so einige Male, dass ich meinen Kram alleine umsiedeln konnte, aber die beiden Frauen ließen nicht locker und halfen mir alles in den neuen Bungalow zu tragen. Auf den ersten Blick fühlte ich mich gleich wohler, denn es gab keine Moskitos und keine Kakerlaken. Das einzig dumme war nur, dass ich nun nicht mehr gegenüber von Sams Raum wohnte, sondern genau vor der Treppe zur Yogashala. Was aber zumindest zum Vorteil hatte, dass ich um 20 nach 5 aufstehen, mich anziehen und kurz frisch machen konnte und trotzdem rechtzeitig um halb 6 in der Shala war. Auch hatte ich nun keine Mosquitos mehr in meinem Zimmer und das wunderte mich. Als ich dann an meinem ersten Morgen in meinem neuen Badezimmer stand, erschrak ich mich fast zu Tode, denn ich dachte eine Schlange würde an der Wand über meiner Toilette verweilen. Doch als ich genauer hinsah, fiel mir auf, dass dies ein gigantischer Gecko war! Ihre Rufe hatte ich bisher schon häufiger gehört, aber ich hätte nie gedacht, dass sie SO groß waren! Sein Kopf war genau so groß wie der einer Schlange. Mein Dad erzählte mir, dass sie kleine Geckos fressen und auch mal zubeißen können. Danke Papa, jetzt hatte ich Angst vor ihm und sollte in Zukunft nur mit Blick zur Wand aufs Klo gehen. Trotzdem gab ich ihm einen Namen- "Olaf". Immer wenn ich nun duschen ging wirbelte ich mit meinem Handtuch herum, um Olaf zu verscheuchen, damit ich in Ruhe duschen konnte, doch er kam immer wieder. Olaf wurde schnell zur Attraktion, denn niemand glaubte mir, dass dieser Gecko so riesig war! Und so kam einer nach dem anderen in meinen Bungalow, um Olaf kennenzulernen. Manchmal hörten wir ihn rufen, als wir in der Shala waren. Daraufhin machten wir Witze darüber, dass er nach mir rief oder allen Bescheid gab, dass er nun sturmfrei hatte. Mit der Zeit hatte ich immer weniger Angst vor ihm, doch Olaf rief auch oft nachts, was manchmal echt gruselig war.

 

Zwischen 5:30 und 5:40 hatten wir wie immer Zeit, still unsere Matten auszurollen und im Savasana dazuliegen und zu entspannen bis es losging. Diese Zeit tat immer gut, denn man konnte vor sich hindösen und keinem war es erlaubt zu sprechen, also war man „gezwungen“ mit niemandem so früh zu reden. Vor den Fenstern der Shala stand eine kleine Vorrichtung für Duftstäbchen, die in einer hübschen Holzbox aufbewahrt wurden. Jeden Morgen musste der Nächste im Alphabet ein Stäbchen anzünden, um so den gesamten Raum in einen angenehmen, betörenden Duft zu hüllen. Der Morgen wurde so zu einer Routine und in der gesamten Zeit gewöhnte sich mein Körper an das frühe Aufstehen und ich genoss es, dass es auch bis jetzt noch so ist, dass ich keine Langschläferin mehr bin. Am Morgen hat man viel Ruhe und Zeit für sich, kann Dinge für sein eigenes Wohlbefinden tun, bevor der Alltagsstress beginnt, oder kann schon produktiv sein, um mehr vom Rest des Tages zu haben. Für mich ist es durch diese Zeit auf Bali besonders wichtig geworden, mir Zeit für mich zu nehmen und den Stress so zu reduzieren, um generell am Tag produktiver zu sein.

 

Übrigens habe ich ein tolles „Morning-Routine“- Rezept:  

Die Vorbereitungen am Abend zuvor oder Sonntagsabends:

Lege alles am Abend bereit, damit du direkt am nächsten Morgen produktiv sein kannst (z.B. Laptop, Notizheft etc.), schreibe eine To-Do Liste für den nächsten Tag/ die kommende Woche und sieh zu, dass du einen erholsamen Schlaf bekommst. Am Ende jeder Woche (auch zwischendrin, wenn ich es brauche) schreibe ich Tagebuch und reflektiere die Woche, ob ich meine Wochenziele erreicht habe und was ich in der nächsten Woche/ am nächsten Tag besser machen will.

Am nächsten Morgen:

1.       Steh früh auf,

2.       Meditiere 5 Minuten,

3.       Mache das Bett, um direkt schon etwas geschafft zu haben,

4.       Mach dir einen Kaffee/Tee und setze dich 10 Minuten hin und lese in deinem Lieblingsbuch. Oft schaue ich mir auch Instastorys an, die mich inspirieren.

5.       Mache 10 Minuten Yoga/Sport,

6.       Reinige dich in der Dusche,

7.       Nehme ein gesundes und kräftigendes Frühstück ein (bis hier hin brauchst du ca. 1 Stunde)

8.       Beginne dann mit der nervigsten Aufgabe der To-Do Liste, um diese aus dem Weg zu haben und

9.       Halte diese Routine bei!!!

 

Kapitel 3: „The Monkey Mind“, „The Power of Now“ und warum wir uns schlecht fühlen wollen

 

Wir lernten in den nächsten Tagen des Anatomiekurses, welche Positionen das größte Verletzungsrisiko haben und was man tun kann, um diese zu verhindern. Zum einen sollte man in der eigenen Yogapraxis die Knie eher immer ein wenig gebeugt haben („micro bending“) und in Posen, wo die Hände die stützende Funktion übernehmen, auf die Außenrotation der Schultern achten. Auch wenn der Unterricht anstrengend war, hat er mir doch viel gebracht und ich merke überrascht, dass viele Leute dies in ihrer Yogapraxis falsch machen. Aus diesem Grund sage ich in meinen Yogakursen immer etwas dazu, auch wenn es noch mehr Anleitung bedeutet.

Endlich stand nun auch mal was anderes auf dem Stundenplan: Philosophie. Ich freute mich sehr darauf, denn ich liebe es zu philosophieren und mir dadurch Verhaltensweisen zu erschließen und mir die Welt zu erklären. Zudem ist es nach einigen Tagen mit fast 30 Frauen und nur zwei Männern auch mal schön eine Männerstimme, nämlich die unseres Philosophielehrers, zu hören oder wie die größten Yogis sagen würden, „male energy“ zu spüren. Sebastian, ein junger Kerl aus Chile sollte uns noch allerlei Gesprächsstoff geben. Der erste Eindruck aber war: „Er weiß wovon er redet.“ Sebastian saß im Schneidersitz in der Mitte der Shala auf einem Kissen und war ganz leise, als wir alle Raum betraten. Wir setzten uns wie immer in einen großen Kreis, ebenfalls auf Kissen, und musterten ihn. Er war recht klein, hatte dunkle, bohrende Augen, schwarze schulterlange Haare, einen ebenfalls schwarzen Bart und ein auffälliges Tattoo am Arm. Selbstbewusst saß er da, drückte seine Handflächen aneinander in die „Prayer-Position“ und drehte sich im Sitzen zu jedem Einzelnen zu uns um. Dabei schaute er einem nach dem anderen in die Augen und begrüßte uns. Mal abgesehen davon, dass er manchmal übertrieb, lehrte er uns so einiges, auch wenn ich Vieles bereits einmal mit Freunden durchphilosophiert hatte. „The monkey mind“ bezeichnet „the restless mind“; das bedeutet, dass unsere Gedanken so durcheinander und unruhig sind, dass wir uns bei der Meditation nicht konzentrieren können. Als er das sagte, horchte ich auf, denn ich hatte immer das Problem, dass ich meine Gedanken nicht ausschalten konnte. Der Hauptgrund warum es bei mir aber nie mit der Meditation klappte war, dass ich es auch eigentlich nicht können wollte. Wie ich schon erwähnte weiß ich nicht, warum das so war, aber diese Blockade habe ich mittlerweile überwunden und das ist die Hauptsache. Jedenfalls muss man „the monkey mind“ als tatsächlichen Affen visualisieren und diesen beobachten. Was möchte das Äffchen in dem Moment? Was kann es gut, was schlecht? Sobald man herausgefunden hat, was der Affe will, nennen wir es eine Banane, dann trainieren wir den Affen. Wir geben ihm erst dann eine Banane, wenn er etwas bestimmtes tut, egal wie ungeduldig er wird. Ich finde diese Visualisierung recht geeignet, weil ich meinen störenden Gedankenfluss genauso nervig empfinde, wie es wohl ein Affe wäre, der endlich seine Banane haben möchte. Das Ganze bedeutet aber auch, dass man nicht einfach so beginnt zu meditieren, sondern dass man vorher aufmerksam in sich hineinhorcht und jegliche Störung wahrnimmt und deren Gründe analysiert. Schon beim kleinsten Konzentrationserfolg gibt man dem Affen seine Banane. In meinem Fall ist diese Banane das Aufschreiben bestimmter Gefühle und Gedanken, damit sie „raus“ aus dem Gehirn sind. Nur dann kann mein Gehirn sich auf das Jetzt konzentrieren. Um den Grundgedanken der Meditation zu verstehen, sollten wir als erste Hausaufgabe das Buch „The Power of Now“ von Eckart Tolle lesen. Das Lustige ist, dass ich dort zum ersten Mal von ihm hörte und nicht wusste, dass er ein Deutscher ist. Da das YTT auf Englisch war, schrieben unsere Lehrer natürlich den englischen Namen des Buches in die Literaturliste. Daher hatte ich mir das englische Buch zu Weihnachten gewünscht, ohne vorher zu recherchieren, ob es auch eine deutsche Version gab. Ich habe nichts gegen englische Bücher, im Gegenteil! Wer Eckhart Tolle kennt weiß, dass seine Bücher harten Stoff beinhalten, den man verstehen und dann auch erstmal annehmen muss. Da wir auch noch ein Essay darüber schreiben und abgeben sollten, wäre es sehr viel einfacher für mich gewesen das Buch vorher auf Deutsch zu lesen. Ich nahm mir aber im letzten Sommer Zeit, um „The Power of Now“ noch einmal in Ruhe zu lesen. Nun kann ich endlich genauer beschreiben, worum es darin geht und ich kann Jedem nur empfehlen sich eines seiner Bücher zu kaufen.

 

The Power of Now:

Grob zusammengefasst geht es darum, dass wir nur das Hier und Jetzt haben, da die Zeit eine Illusion ist. Das heißt, dass die Vergangenheit und die Zukunft nur als Illusion in unseren Köpfen existiert und von uns Menschen geschaffen wurde. Wir denken meistens nur an die Zukunft, was Morgen auf der To-Do Liste steht, was wir in einem Jahr erreichen wollen usw. Dabei vergessen wir im Moment zu leben. Die Zeit „rast“ für uns nur so dahin, weil wir im Großen und Ganzen mit unseren Gedanken woanders sind, anstatt im Moment. Auch Probleme schaffen wir uns dadurch selber, dass wir sie uns in der Zukunft vorstellen und ihre Konsequenzen abwägen, ohne dass sie im Hier und Jetzt schon existieren. Der „Trick“ um glücklich zu sein liegt also darin, den jetzigen Moment so wahrzunehmen, wie er auch ist, dh. ohne ihn zu kritisieren, sondern ihn einfach nur aufmerksam zu beobachten. Was ist wie und wo in meinem Umfeld und wie stehe ich im Moment dazu in Beziehung?; wie fühle ich?; was spüre ich?; was rieche ich?! Versuche es doch genau jetzt an dieser Stelle: Beobachte aufmerksam den Baum vor deinem Fenster- Hat er Blätter? Wenn ja, wie sehen sie aus? Wie bewegen sie sich? Oder spüre, wie du in diesem Moment sitzt: Wo sitzt du? Welche Körperteile berühren den Stuhl/das Kissen? usw. In so manchen Situationen versuche ich meine Aufmerksamkeit genau auf das Jetzt zu lenken und ich merke, dass viel Frieden in dem Moment steckt, in dem ich es schaffe an nichts anderes zu denken, als was gerade ist. Das einfach nur „Sein“ bringt dich an den Ort, wo du sein musst. Du bist genau da, wo du gerade sein sollst, denn alles Vergangene hat dich genau in das Jetzt gebracht. Und das Jetzt ist alles was du hast, denn „Morgen“ wird niemals kommen. Das zu realisieren hat etwas Erschreckendes und Schönes zugleich, denn es reißt einen aus der eigenen Definition. Wir definieren uns gerne durch das, was wir erlebt haben und brüsten uns mit dem, was wir erreichen wollen, aber noch nicht erreicht haben. Wir können nicht akzeptieren, dass das „Ich“ genau das ist, was es jetzt gerade ist. Alan Watts sagte einmal: „Du bist nicht die Person, die du noch vor 5 Minuten warst“. Und damit hat er Recht, denn jeder neue Moment ändert und formt uns, wir nehmen Neues auf und wachsen dadurch. Und damit kommen wir zu der positiven Seite der ganzen Zeitillusion: Wir können jeden Tag neu anfangen, neu starten und so leben, wie wir es wollen, denn die Zukunft ist nicht mehr das worauf wir uns konzentrieren, sondern der Moment ist es. Klar sollte man einen Plan haben; aber der bedeutet eben nicht mit den Gedanken dort zu hängen, wo wir in Zukunft unser Ziel schon erreicht haben werden. Unsere Gedankensollten sich stattdessen auf die Intention fokussieren, warum wir etwas Bestimmtes in dem Moment tun. Auch die Fehler aus der Vergangenheit oder die schlechten Erlebnisse werden dadurch vergessen, denn wir sind jetzt schon wieder ein anderer Mensch, der dadurch nur emporgestiegen ist. Wir können neu anfangen, den Frieden in jedem einzelnen Moment finden und so glücklich sein.

Als ich mit dem Buch fertig war, war ich erstaunt wie sehr ich mich an manchen Stellen gegen das Geschriebene gewehrt hatte. Ich realisierte, dass ich mein eigenes Selbst tatsächlich nur in der Vergangenheit und der Zukunft verankert hatte und alles was Tolle schriebt schmerzlich wahr war und das störte mein Ego. Der innewohnende contra naturam- Aspekt in der Psyche darf nicht übersehen werden. Dieser Aspekt ist eine animalische Rückentwicklungskraft, ein innerer Trieb, sich jeder Form der Transzendenz zu widersetzen und sich mit aller Macht gegen transformierendes Wachstum zu sträuben. Ich wollte im Jetzt leben und jeden Moment meines Lebens bewusst genießen und dafür dankbar sein, doch dazu musste ich das wütende Ego stummstellen. Also nahm ich die Idee der Meditation an und verstand endlich, wo der Sinn darin liegt: nämlich im Moment sein zu können. Ich öffnete mich auf Bali nur langsam demgegenüber, weil es mir so absurd erschien, dass ich diesen Status jemals erreichen könnte; aber nur weil etwas unmöglich erscheint, heißt es nicht, dass es auch tatsächlich unmöglich ist.

 

Jeder Mensch möchte doch glücklich sein, also sollte man doch das zulassen, was einem dabei hilft auch in schlechten Zeiten stark zu sein. Dazu hatte Sebastian eine Weisheit, die ich seitdem nicht vergessen kann: Aus irgendeinem Grund neigen wir manchmal dazu, uns unterbewusst schlecht fühlen zu wollen. Wir sagen wir wollen uns nicht unwohl fühlen, aber dennoch stürzen wir uns in Dramen, von denen wir wissen, dass sie schlecht für unser Wohlbefinden sind. Wir mögen es uns manchmal in Situationen zu begeben, wo wir Schmerz empfinden und dafür Mitleid und Aufmerksamkeit bekommen. Wir machen extra traurige Lieder an, um in diesem Gefühl regelrecht zu ertrinken. Irgendwo in uns ist ein kleines sadistisches Gefühl, dass sich in einem Moment der schlechten Laune tatsächlich wohlfühlt. Natürlich ist das kein Dauerzustand und der Wunsch nach dem Glück wird meist größer, aber dennoch sehnt sich etwas in uns manchmal nach einem durchrüttelnden Gefühl, das unser Leben auf den Kopf stellt. Wenn du weißt wovon ich spreche, dann merke Dir aber auch, dass es nichts Schlimmes ist so zu fühlen. Im Gegenteil, denn schlechte Stimmung zeigt uns, dass wir leben und fühlen und diese Stimmung als solche wahrzunehmen ist schon der erste Schritt in die richtige Richtung. Wenn wir uns immer nur gut fühlen würden, dann wäre es doch langweilig, oder?! Ich habe neulich in einem Lied Folgendes gehört: „Darkness has its teachings.“ Und da ist was sehr Wahres dran, denn nur durch solche Zeiten im Leben werden wir gerüstet. Ich spreche an dieser Stelle nicht mehr von einem Tag schlechter Laune, sondern von längeren Phasen im Leben, die deprimierend sind.  Aber auch nur einen Tag zu haben, an dem man einfach nicht in Stimmung ist, ist vollkommen okay und sollte als solcher angesehen und akzeptiert werden, ohne etwas zu erzwingen. Egal wie lange es einem schlecht geht, die Hauptsache ist, dass man zunächst jedes Gefühl zulässt, das sich versucht in den Vordergrund zu zwängen und dieses aufmerksam betrachtet, ohne es gleich zu verurteilen. Unsere Körper wollen uns etwas damit sagen und darum sollten wir zunächst herausfinden WAS wir fühlen, bevor wir uns auf das WARUM stürzen. Wissen wir dann bis ins kleinste Detail, wie sich dieses Gefühl anfühlt und wo es herkommt, dann erst können wir uns darum kümmern, dass es uns besser geht. Stück für Stück, „you can’t rush your healing“. Im YTT fassten wir das Ganze folgendermaßen zusammen: Aufmerksames Beobachten ohne Beurteilung führt zum Verstehen; dieses Verstehen ist die höchste Form von Intelligenz. „If you understand the patterns of nature, you’ll understand everything. The only thing permanent is change.“ Die Veränderung, die wir durch schlechte Zeiten durchmachen und die oben als „teachings“ beschrieben wurden, helfen dir zu wachsen und wenn du willst, zu einer besseren Person zu werden.

 

An diesem Tag lernten wir auch, dass die ganze Reise zu einem Yogi bedeutet, dass man bereit sein muss, sich selbst innig zu beobachten, zu erkunden und aufmerksam gegenüber den Reaktionen des Körpers zu sein. Wichtig ist, dass man sich eingesteht, dass man einige Illusionen über sich selbst und das eigene Umfeld/ Leben erschaffen hat. Man ist nicht das, was das Ego einem sagt, die Art und Weise, wie man die Realität sieht, ist nicht wirklich die wahre Realität. In einer Situation, bei der mehrere Menschen anwesend sind, wird dir jeder Mensch eine andere Sichtweise der Wirklichkeit präsentieren. Je nach Auge des Betrachters gibt es unterschiedliche Realitäten. Aus diesem Grund ist es von Bedeutung, seine eigenen Urteile zu hinterfragen und im Hinterkopf zu behalten, dass es nicht nur eine einzige Wahrheit gibt. Sei deshalb nicht festgefahren, sondern offen gegenüber dir selber und anderen und ihren Ansichten.

 

Alles aus diesem Kapitel habe ich nur grob beschrieben, denn die Beschäftigung mit solchen Dingen braucht Zeit und Geduld, sowie einen starken Willen, der zulässt, dass man sich selber „aufmischt“. Diese ganzen Gefühle herauszulassen und zu erkunden, alles umzuwerfen, wovon man dachte, das sei sein „wahres Ich“ und Gewohntes loszulassen, um Neues und Besseres hineinzulassen, ist unangenehm und braucht seine Zeit. Wachstum ist aber nunmal schmerzhaft und ungemütlich, denn es findet außerhalb deiner Komfortzone statt und zwingt dich regelrecht zur Bewegung, aber es ist notwendig für ein glückliches Leben voller Selbstliebe. Wenn du das nächste Mal leidest, dann frage dich, wie du daraus wachsen kannst stärker werden kannst und sei vor allem geduldig mit dir selbst!

 

Kapitel 4: Eine unglaubliche Freundschaft, die vegane Sekte und der Ursprung von Yoga

 

In den ersten Tagen bildete sich eine Gruppe von wunderbaren neuen Freunden um mich herum. Das kam dadurch zustande, dass wir zusammen immer irgendwo anders aßen, als im G&J‘s. Die besten Orte wo man essen konnte, befanden sich in unmittelbarer Nähe. Es gab dort hausgemachtes indonesisches Essen und alles war unfassbar billig. Man fühlte sich gar nicht wie in einem richtigen Restaurant, sondern eher, als ob man bei einer balinesischen Familie auf der Terrasse sitzen würde, die rein zufällig mehrere Tische dort stehen hatte. Zunächst entdeckten wir „Ketut’s“, wo wir immer zum Frühstück hingingen. Dort gab es Porridge, Pancakes, Jaffles, Obstsalat, Rührei und frischgepresste Fruchtsäfte, die viel zu billig für den phantastischen Geschmack waren. Wir wurden von einer kleinen, dicklichen Balinesin bedient, die meist ihr Baby auf dem Arm trug- das süßeste Baby, das ich jemals gesehen hatte. Ich wusste aus dem Buch „Eat, Pray, Love“, dass in Bali Babys als heilig angesehen werden und sie noch eine Art Gottheit sind, bis sie den 6. Lebensmonat erreichen. Aus diesem Grund lassen sie ihre Kinder in dem Alter niemals auf dem Boden im Dreck krabbeln und tragen sie auf dem Arm oder legen sie in ein Gitterbettchen, denn „Götter“ krabbeln nicht im Dreck. Hat das Kind den 6. Monat erreicht, so gibt es eine Zeremonie und eine Feier, in der das Kind von einer Gottheit zum Menschen wird. Bevor es den ersten Kontakt zum Boden hat, wird es zunächst durch ein Ritual, das mit einer Kokosnuss zu tun hat, vor Dämonen und bösen Geistern geschützt.

Ich war begeistert davon, dass die Balinesin sich jede unserer Bestellungen im Kopf merken konnte und mit Baby auf dem Arm auch noch so lecker und schnell kochen konnte. Wir lernten ihre anderen Söhne kennen, die alle in Bali nummerierte Namen haben (dh. der erste Sohn wird „eins“ genannt usw.), sowie ihren Mann und einen Vater (ob von ihr oder von ihrem Mann, weiß ich leider nicht). Nach ihm wurde das „Restaurant“ benannt und Ketut sah genauso aus, wie ich mir den Ketut in „Eat, Pray, Love“ vorstellte. Er war ebenfalls Medizinmann, unfassbar freundlich und lächelte uns immer zahnlos aber herzlich an.

An diesem Ort jedenfalls fanden wir uns jeden Morgen zusammen und wurden nach und nach zu einer, wie wir uns nannten, „Familie“ (Warum „Familie“? - dazu später mehr). Mit ‚wir‘ meine ich Laelia, eine Engländerin, die alles hingeschmissen hatte und schließlich ein Jobangebot in Sydney bekommen hatte und nun dort lebte; Christian, ein Deutscher, der einen Australier geheiratet hatte und ebenfalls nun in Sydney lebte; Erica, eine junge Brasilianerin und natürlich Sam. Wenn wir zu Abend aßen, dann kamen noch Miller, ein blonder, australischer Surferboy; Hannah, ebenfalls blonde Australierin und manchmal auch Fiona, eine Tänzerin aus England, hinzu. Diese Menschen wuchsen mir in der gesamten Zeit sehr ans Herz und unsere gemeinsamen Brekkies und Dinnerzeiten waren meine liebsten Momente. Das Gute war, dass wir alle (außer Hannah) in benachbarten Bungalows wohnten und so immer auf einer unserer Terrassen saßen und quatschten. Abends trafen wir uns dann vor unseren Türen, um zum Abendessen in ein naheliegendes ‚Restaurant‘ zu gehen. Das „Nidas“ bot uns allerlei indonesische Gerichte, die in einer familiären Umgebung zubereitet wurden. Hier saßen wir meist an einer großen Tafel zusammen, auf der Fisch in Bananenblättern, Nasi Goreng oder Gado-Gado standen. Gado-Gado ist mein liebstes Gericht aus Indonesien und verbindet mich mit Sam, da wir beide es liebten und wenn wir zwei alleine essen waren, fast nur Gado-Gado aßen. Dies ist ein Reisgericht mit Gemüse, Erdnusssoße, Ei und meist Tempeh und Tofu. Da ich Tofu nicht mag, bekam Sam diesen und da sie Veganerin ist, gab sie mir ihr Ei. Schon zu Anfang der gesamten Zeit klebten Sam und ich aneinander, wie die Erdnusssoße und der Reis auf unseren Gado-Gado Tellern. So wurde dieses Gericht das Symbol unserer Freundschaft. Denn bei jedem Essen mit ihr, lernte ich sie besser kennen und ich konnte ihr alles erzählen! Zudem verbrachten wir eh fast jede freie Minute miteinander oder machten nebeneinander Hausaufgaben.

Die Hausaufgaben waren übrigens der stressige Teil an der ganzen Zeit. Wir mussten in den ersten Wochen eine Tabelle zu bestimmten Yogaposen ausfüllen und dazu den Reader lesen, den sie uns gegeben hatten. Immer wenn um 5 Uhr abends kein Unterricht mehr war, mussten wir also noch daran arbeiten und dann früh ins Bett gehen, um morgens nicht zu müde zu sein. Wir hatten also sehr wenig Zeit für uns und so saßen Sam und ich eben oft mit unseren Endgeräten nebeneinander im G&J’s, das mehrere Ecken mit Steckdosen für die lernenden Yogis bereithielt. Man war fast gezwungen dort Zeit zu verbringen, weil es der einzige gute Treffpunkt zum Lernen war. Zum Glück waren wir nicht verpflichtet dort auch etwas zu bestellen, denn wie ich schon sagte, war es dort sehr teuer (aber auch schön)!

 

Je mehr ich mich mit Sam anfreundete, desto mehr musste ich über eine vergangene Situation schmunzeln:  Ich kann mich noch genau dran erinnern, wie ich mit Nicki noch auf Nusa Ceningan lebte und wir eines Abends über meinen anstehenden Yoga Kurs quatschten. Ich überlegte, wie wohl meine neue Freundin heißen würde, die ich bald kennenlernen würde. Nicki meinte, dass ich auch mal zu den Leuten hingehen muss, um durch Smalltalk eine neue Freundin zu finden. Ich bin nicht so der Typ für Smalltalk, nur um irgendwie Bekanntschaften zu finden. Ich sagte ihm, dass ich nie auf Suche nach Freundschaft gehe, die Freundschaft findet mich schon irgendwie von selbst. Das hatte sie bisher immer getan und so vertraute ich auch diesmal darauf. Wir überlegten uns Namen meiner neuen Freundin und ich sagte: „Ich denke nicht, dass sie Anna heißen wird, davon hab‘ ich schon genug; vielleicht Louisa?!“. Ich erzähle das, da ich einerseits niemals dachte, dass ich SO eine gute Freundin wie Sam dort finden würde und andererseits, weil Sam mir erzählte, dass sie mit zweitem Namen ‚Louise‘ heißt; naja fast, aber nah genug, um zu feiern, dass ich schon von ihr redete, bevor ich sie kannte.

Ja, Sam wurde in der Zeit zu meiner besten Freundin. Ich liebte sie von Tag 1 an, denn sie brachte mich zum Lachen und war immer derselben Meinung, wie ich. Mit ihr redete ich stundenlang über Gott und die Welt und sie gab mir Ratschläge, die ich mit 19 Jahren noch nicht auf Lager gehabt hatte. Natürlich musste ich Nicki berichten, dass es so gekommen war, wie ich es vorhergesagt hatte: Die Freundschaft hatte mich gefunden, und wie!

 

Tag für Tag wurden wir alle miteinander vertrauter und ich genoss es eine feste Gruppe zu haben, die sich immer um mich scharrte, und die dieselben Ansichten über das YTT hatten, wie ich. Hauptthema bei uns war Sebastian der Philosophielehrer, der zwar manchmal guten Unterricht machte, aber Stoff zum Reden gab. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass Yoga nichts mit der Religion zu tun hat, der man folgt, sondern es um den Aufbau der Beziehung des eigenen Selbst zu seinem Körper und Geist geht. Es steckt zwar mehr dahinter, wie bspw. die Aufmerksamkeit, die man beim Yoga übt, auch in den Alltag zu übertragen, aber eben nicht um die Anbetung irgendeines Gottes. Aus diesem Grund, und da Yoga eben jeden anspricht, der mit sich selbst ins Reine kommen will, gehörten unsere  YogalehrerInnen unterschiedlichen Religionen an. Eine Muslima, Christen, eine Buddhistin und Sebastian war Hindu (und rieb uns das ständig unter die Nase). Er machte sich häufiger über das Christentum her, obwohl die meisten von uns evangelisch oder katholisch waren. Wir fanden es nicht in Ordnung, denn wenn man davon spricht, dass man als Yogi offen für jeden Menschen und seine Ansichten sein muss, dann darf man Andere eben auch nicht für seine Religionen verurteilen. Er predigte uns ständig, wie man ein guter Yogi ist, aber selber versuchte er uns zu beeinflussen und das wirkte sehr unglaubwürdig. Zudem sah er sich als einen richtigen Mann, der nicht oberflächlich, sondern das Innere einer Frau zu schätzen weiß etc. Doch gleichzeitig schaute er uns auf den Hintern, wenn wir aus dem Raum gingen. Es kam hinzu, dass er einer von diesen Veganern ist, die in jedem zweiten Satz erwähnen müssen, dass sie Veganer sind und dass jeder Mensch, der dies nicht ist, zwischen den Zeilen gesagt, ‚schlecht‘ und nicht tierlieb ist. Er nannte uns abwertend ‚meateater‘ und machte uns dafür runter oder zumindest versuchte er es. Auch dieses Verhalten passte unserer Meinung nach nicht zu der Lebensweise eines Yogis. Jeder Mensch kann essen was er will, denn alles was wir wirklich unser Leben lang besitzen, ist unser eigener Körper und demnach ist es auch die Sache von jedem Einzelnen, was er damit anstellt. Auch finde ich, machen viele Veganer das Vegan sein zu einer Sache, die man sich „verdienen“ muss; eine Gruppe von Individuen, die sich erst an bestimmte Regeln halten müssen, um „dazuzugehören“. Selbst Veganer werden angegriffen, „kein echter Veganer“ zu sein, wenn sie auf tierische Produkte beim Essen verzichten, aber dennoch kein veganes Makeup, Klamotten etc. verwenden. Fast so als wäre „Vegan“ der Titel einer Sekte. Genau diese “perfekten“ veganen Menschen, also auch Sebastian machten es einem schwer, dazugehören zu wollen. Schlimmer noch, er sorgte bei einigen dafür, dass sie noch abgeneigter waren. Als er immer und immer wieder Bacon als schlechtes Beispiel nahm, lief Christian und mir das Wasser im Mund zusammen und Sebastians Versuch uns zu „bekehren“ war erneut nach hinten losgegangen. Doch er schaffte es, sein Verhalten zu toppen: Als wir über Karma sprachen, fragte ihn Sam, was sie einer Freundin raten sollte, die mit 19 schon an Krebs litt. Man merkte an ihrer Stimme, dass es ihr nahe ging und Sebastian sagte doch allen Ernstes: „Tell her it’s Karma“. Ich konnte kaum glauben, was ich da eben gehört hatte und setzte mich direkt nach der Stunde vor sie hin und sagte ihr, dass sie das auf keinen Fall tun sollte. Das Einzige, was sie für ihre Freundin tun kann, ist für sie da zu sein und wunderschöne, glückliche Erinnerungen zu schaffen, um Positives zurückzulassen, wenn sie geht. Der Karma-Spruch von Sebastian war Thema Nummer eins am abendlichen Esstisch. Sam machte trotzdem den Fehler Sebastian noch einmal um Rat zu fragen: Wir sprachen in dieser Stunde über Drogen und Alkoholkonsum und wie sie den Geist benebeln können. Meditiert man richtig, kann man einen ähnlichen Status erreichen. Dabei machte Sebastian uns deutlich, wie sehr er abgeneigt gegenüber Alkohol war. Aber: Sam fragte ihn daraufhin, ob es trotzdem okay war mal ein Bier zu trinken. Natürlich ist das okay und ein kühles Bierchen hat noch keinem geschadet! Doch Sebastian antwortete ihr kurzgefasst, sie solle lieber Drogen nehmen, denn LSD sei besser als Alkohol, da dieser aggressiv mache und man keine Kontrolle mehr über seinen Körper hätte. Ich dachte erst er macht einen schlechten Witz und schaute zu den anderen, denen ebenfalls die Kinnlade heruntergefallen war. Wie um alles in der Welt kommt man dazu einer 19-Jährigen Drogen anstelle von Alkohol zu empfehlen?!

Nach all diesen Erlebnissen hatte er nur noch wenige Anhänger in unserem Kurs und es wurde viel über seine Ansichten diskutiert. Wir saßen in diesem Kurs, um etwas von dort mitzunehmen und das sollte etwas sein, das uns hilft zu einem besseren Menschen heranzuwachsen. Deshalb musste jeder für sich selbst entscheiden, wieviel er wirklich von dem Philosophieunterricht zu Herzen nahm. Abgesehen von diesen Geschichten lernten wir aber weiterhin auch vieles, das wir wirklich von einem Philosophieunterricht erwarteten. So zum Beispiel lernten wir, wo Yoga herkam, wie es früher war und woraus es entstanden war. Früher hatte man stundenlang meditiert und um besser in einer ruhigen Pose sitzen zu können, machte man vorher Übungen, damit man länger stillsitzen konnte. So entstanden die ersten Asanas, also die ersten Yogaposen, die bestimmte Benefits für den Körper hatten. Mit der Zeit kamen mehr und mehr Asanas dazu. Schließlich wurde Yoga von der Meditation abgetrennt und teilweise nur so praktiziert, um sich besser zu fühlen. Yoga wandelte sich mit der Zeit stark und nahm unterschiedliche Richtungen und Abzweigungen ein, sodass es mittlerweile hunderte verschiedene Arten von Yoga gibt. Das Interessanteste war allerdings, dass Yoga früher nur für Männer war, bis irgendwann die erste Frau Yogi wurde. Heutzutage ist es eher als „Frauensport“ angesehen, wobei ich aber immer versuche Männern dieses Bild abzuschwatzen und sie für die Yogapraxis zu begeistern. Quasi back to the roots.

 

Kapitel 5 – Meine „Familie“, Vollmondsurfen und Meeresschildkröten

 

In den nächsten Tagen kam zu dem bisherigen Stundenplan die Selfpractice hinzu. Nach der Unterrichtseinheit am Nachmittag hatten wir nun endlich auch mal Zeit unsere eigenen Yogaübungen zu machen. Laelia und ich kamen dabei ins Schwitzen und übten auch gemeinsam den Handstand, während Sam und Erica neben uns im Savasana lagen und schliefen. Jeder konnte das tun, was er wollte, denn bei der eigenen Yogapraxis hat niemand etwas reinzureden. Deshalb war es auch vollkommen okay, wie Sam und Erica nur im Savasana zu sein. Nach der Selfpractice hatten wir noch 15 Minuten Yoga- Nidra, was fast so wie eine Meditation ist. Dabei liegt man im Savasana und rreicht durch Anleitung einen Status der vollkommenen Entspannung. Zu Beginn wird immer gesagt man solle nicht einschlafen, sondern die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Körperpartien lenken. Sam und Erica wachten zwischen ihrem Savasana und Yoga- Nidra nicht mal auf und schliefen einfach durch, bis wir sie dann pünktlich zum Feierabend weckten. Natürlich nur, nachdem wir die Schlafenden als lustiges Motiv in unseren Fotos festhielten.

 

In der gesamten Zeit beim YTT hatten wir viel Schabernack im Kopf, denn wenn man sonst keine Pausen hat, um sich groß auszulassen und eh die ganze Zeit aufeinanderhängt, gibt es nur dieses Ventil. Deshalb verstanden wir uns innerhalb unseres Freundeskreises, bzw. innerhalb der „Familie“ auch alle so gut. Wir machten alle Quatsch und rissen unsere Witze, egal in welchem Alter.

Warum „Familie“? Zunächst einmal machten wir in dieser Zeit einiges durch, erlebten viel Neues und trafen auf neue Erkenntnisse innerhalb unserer Persönlichkeit. So musste man mit irgendjemandem früher oder später über alle Erfahrungen reden. Wie ich schon erwähnte, saßen wir immer spätestens beim Essen zusammen und teilten alles Erlebte. So gehörte also außer dem Spaß auch Ernstes zu unseren Themen. Da wir alle auf dem selben Pfad gingen, wurde man akzeptiert, egal wie man war und egal, was einen beschäftigte. Christian war der Älteste von uns und obwohl ich das wusste, erschreckte es mich dennoch, dass er nur wenige Jahre jünger war als meine Mutter. Er war mit uns allen auf einem Level und ich konnte mit ihm über alles reden, als ob es ein Freund in meinem Alter war. Er wurde dadurch zu unserem ‚Dad‘ und so nannten wir ihn auch irgendwann. An unserem ersten freien Tag feierten wir seinen Geburtstag am Strand und schließlich in einem Restaurant mit ein paar Bintangs (Balinesisches Bier). Laelia war Anfang 30 und machte kindischen Kram mit uns mit, konnte aber auch ernst werden und hatte immer besonders gute Ratschläge parat, weshalb sie von uns ‚Mum‘ genannt wurde. Sie sagte einmal sie fühle sich dadurch älter als sie eigentlich ist, aber es schien ihr nichts auszumachen und sie nahm ihre neue Rolle mehr oder weniger ernst. Sam, Erica und ich waren die Kinder, denn prinzipiell musste irgendjemand uns zügeln, da wir zu dritt eine manchmal ziemlich nervige Rasselbande abgaben, die aber viel Frohsinn verbreitete. Mit drei „Töchtern“ an der Backe war die Familie allerdings noch nicht vervollständigt. Miller bekam schnell den „Grumpy Grandpa“ zugeschrieben, da wir ihm oft zu kindisch waren und er manchmal recht motzig war. Zumindest kam es uns so vor und er konnte nicht verstehen, warum er „Grumpy Granddad“ sein musste. Dann waren da noch Hannah und Fiona, die nicht so oft beim Essen dabei waren und so waren sie die „Tanten“, die ab und zu vorbeischneiten. Ich weiß, das klingt alles ziemlich verrückt, aber irgendwie passten diese Zuschreibungen zu jedem von uns und es war ein guter Ersatz für die richtige Familie Zuhause, die man vermisste.

 

Wir gingen nicht nur zusammen essen, sondern auch Surfen, wenn wir eigentlich lernen sollten. In der Nähe unserer Yoga- Shala gab es einen Bereich, der „Playground“ genannt wurde. Nach einem kleinen Spaziergang am Meer entlang, kam man schließlich in die Bucht von der wir raus aufs Meer paddelten. Nur innerhalb eines bestimmten Gebietes kamen vereinzelte Wellen, die ab und zu reinrollten. Laelia, Miller und Hannah waren sehr gute Surfer und brachten Sam und mir; wir hatten bisher nur selten auf dem Brett gestanden; so einiges bei. Als ich auf meinem Surfbrett stand, vergaß ich all den Stress, den wir durch den Schlafmangel und den vielen Hausaufgaben hatten. Wir blieben ewig draußen, hatten unfassbar viel Spaß und gingen erst aus dem Wasser, als es schon dunkel wurde. Erst beim Zurückpaddeln bemerkten wir den riesigen, leuchtenden Vollmond, der hinter der Insel aufgegangen war.

 

Am nächsten Tag wurde im Unterricht darauf aufmerksam gemacht, dass wir beim YTT waren um was zu lernen. Surfen, sowie Rollerfahren können ja dazu führen, dass wir uns verletzen und deshalb sollten wir in dieser Zeit auf solche Dinge verzichten. Wenn jemand unbedingt mit dem Roller irgendwo hinwollte, hieß es: Helm ist Pflicht und man sucht sich einen Fahrer. Das mit dem Helm machte auch Sinn, aber manchmal gab es einfach keinen. Wenn dann doch mal einer da war, so hätte er kaum was gebracht, denn der Verschluss war meist kaputt oder der gesamte Helm passte überhaupt nicht. So ist das eben in Bali und erst recht auf einer solch kleinen Insel davor. Zum Glück war ich erfahrene Rollerfahrerin und konnte unbekümmert mit einem eigenen Roller über die Insel düsen, um bspw. Geld abzuheben. Die Leute vom Hotel interessierten sich auch nicht für die Regeln beim YTT und gaben uns immer eigene Roller, auch als wir trotz Warnungen zum Surfen nach Ceningan fuhren.

Wir fuhren über die Yellowbridge, während Sam hinter mir auf dem Roller saß und Miller Erica und die Surfbretter transportierte. Wir erkundeten oft die beiden Inseln, die durch diese Brücke verbunden waren. An einem dieser Tage fuhren wir zu dritt los, um die ganze Insel und fast jeden ihrer Seitenwege zu erkunden. Miller und Sam saßen auf einem Roller und ich konnte einen eigenen fahren. Die Wege dort waren abenteuerlich, denn wir wussten nie, wo sie endeten. Manchmal führten sie mitten in ein Feld hinein, wobei wir fast steckenblieben oder waren unfassbar steil und holprig. Nach einem dieser Wege endeten wir in einem Hinterhof, wo mir ein bellender Hund hinterher rannte. Ich bekam es mit der Angst zu tun, als er an meinem Roller hochsprang und ich verzweifelt versuchte durch das matschige Gras davonzufahren. Bei diesen Touren versaute ich mir meine Sandalen dermaßen, dass sie in den Müll mussten. Es machte dennoch Spaß und so fuhren wir weiter und weiter und erkundeten fast gesamt Lembongan. Einer dieser abenteuerlichen Wege führte an einer Müllhalde vorbei, die in den Mangroovenwäldern errichtet worden war.

Wo hätten die Einwohner den Müll auch sonst hintun sollen?! Viele verbrannten den Müll ja schon im eigenen Hof, während die Kinder neben dem schmelzenden Plastik spielten.

An diesem Ort stank es fürchterlich und ich wurde langsamer, um das ganze Ausmaß des Müllberges zu betrachten. Miller und Sam waren schon um die nächste Ecke gedüst und ich wollte ihnen gerade hinterherfahren, als ich ein klägliches Miauen hörte. Am Straßenrand, zwischen den Ausläufen des vielen Mülls, tapste ein kleines rothaariges Katzenbaby, das furchtbar dünne Beine hatte und dessen Rippen herausstachen. Ich ging zu dem kleinen Wesen und streichelte es. Es war überhaupt nicht scheu und bald kam auch ein anderes Katzenbaby hinzu. Ich hatte überhaupt nichts fressbares mit mir mit, was ich ihnen hätte geben können. Es brach mir mein Herz, als ich wieder auf den Roller stieg und die Beiden so ihrem Schicksal überlassen musste.

Mir hatte eine unserer Yogalehrerinnen erzählt, dass es das Schlimmste war, was mein einem wilden Hund oder einer streunenden Katze auf Bali antun konnte, wenn man sie zu sich nahm, sie pflegte, fütterte und anschließend wieder in die Wildnis setzte. Viele der Tiere hungern dadurch mehr als vorher, sind plötzlich auf sich allein gestellt oder sterben sogar. Zudem ist es unheimlich schwierig Tiere aus Bali zu adoptieren und teuer noch dazu. Ich traf in den ganzen 1 ½ Monaten so viele Tiere, die ich am liebsten mit nach Deutschland genommen hätte..

Wir sahen an dem Tag aber nicht nur Hunde und Katzen: Nach dem Erlebnis mit den kleinen Katzenbabys, fuhren wir weiter und kamen am anderen Ende der Insel raus. Dort klaffte vor uns ein großes Schlammloch, das wir nur mit Mühe und Not mit unseren Rollern überwinden konnten. Vom Schlamm vollkommen versaut, kehrten wir in ein Bungalowhotel ein, auf dessen Toilette wir uns erstmal säuberten. Das Café des Hotels lag auf einer der Klippen und so nutzen wir die Gelegenheit um die Aussicht auf das Meer zu genießen. Wir bemerkten, dass wir nah beim Dreambeach waren, wo ich auch schon mit Nicki gewesen war, und fuhren dort hin, um uns „Devil’s Tear“ anzuschauen. Auf der einen Seite gibt es diesen wunderschönen Strand und auf der anderen ist eine Felswand in die die Wellen alle paar Minuten mit voller Wucht hineinklatschen. Durch die tiefe Aushöhlung der Felsen, wird das Wasser in einem Strahl wieder herausgeprustet. Durch dieses Naturphänomen entstand der Name „Devil’s Tear“ und ist zudem Touristenmagnet. An dieser Stelle stand ich auf den Felsen und beobachtete das stürmische Wasser. Auf einmal erblickte ich eine Meeresschildkröte, die sich durch die Strömungen kämpfte und gleich wieder unter schäumenden wellen verschwand. Doch man musste nicht lange warten um zwei andere Schildkröten ausfindig zu machen. Diese waren so groß, dass man sie auch von mehreren Metern Entfernung erspähen konnte. Schildkröten zu sehen war eines meiner Ziele auf dieser Reise gewesen, das ich nun von meiner ‚Bucket-List‘ streichen konnte.

 

Kapitel 6 – Das Prinzip des Yoga und der Weg zu einem glücklichen Leben

 

Im Philosophieunterricht lernten wir mittlerweile sehr viel über die Urgeschichte des Yoga und was damals alles dahintersteckte. Ist man ein richtiger Yogi, dann nutzt man Yoga nicht nur um fit zu bleiben, sondern überträgt Vieles in die eigene Lebensweise. Das kann beispielsweise die bewusste Atmung sein, die Aufmerksamkeit für jeden Moment, das offene Herz gegenüber allem anderen und vielleicht auch die Yamas und Niyamas, die „Do’s & Don’ts“ für ein friedliches Leben.

Die Yamas folgen dem Prinzip „Behandle andere so, wie du selbst auch behandelt werden möchtest.“ Dazu gehört 1. Ahimsa = Gewaltfreiheit, 2. Satya= Wahrhaftigkeit, 3. Asteya= nicht stehlen, 4. Brahmacharya= Durchhalten und 5. Aparigraha = bescheiden sein. Die Niyamas beschreiben mehr die Selbstdisziplin und die Aufmerksamkeit gegenüber verschiedenen Dingen, wie 1. Saucha= Reinlichkeit, 2. Santosha = Zufriedenheit, 3. Tapas= Entsagung, 4. Svadhyaya= Lernen (über sich selber), 5. Isvara Pranihana= Hingabe gegenüber dir selbst/Gott/ dem Universum. Die Yamas und Niyamas gehören zu den 8 Bereichen, die Yoga umschließt. Die anderen sind: Asana= Die Yogapraxis, Pranayama= die Atmung, Pratyahara= der Rückzuck (in Geist und Körper), Dharana= Konzentration des Geistes, Dhyana= Meditation und schließlich Samadhi= das Eins werden, das wünschenswerte Stadium der Einheit von Körper und Geist.

Wie viel man davon tatsächlich in seinen Lebensstil mit aufnimmt ist jedem selbst überlassen, allerdings kann ich aus Erfahrung sprechen, dass dies von alleine passiert, wenn Yoga (fast) täglich praktiziert wird. Durch Yoga wird man zufriedener mit sich selber, und ein zufriedener Mensch, nimmt all die guten Dinge automatisch mit. Ich las einmal einen weisen Spruch, der besagte, dass man sich selbst als Magnet ansehen soll, der nur positive Dinge anzieht und einem widerfährt Positives. Ich habe schonmal darüber in einem meiner Blogeinträge gesprochen, da ich selbst gemerkt habe, dass positive Einstellung immer auch Positives zurückgibt (siehe Resonanzgesetz). Dies liegt wahrscheinlich daran, dass man Negatives automatisch ausblendet und gar nicht erst an sich ranlässt, den Fokus auf die kleinsten positiven Dinge richtet, schlechte Dinge nicht gleich als Weltuntergang sieht, sondern als Chance zu wachsen und dass man sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt.

Für mich beispielsweise ist es leicht positiv zu denken, denn ich war schon immer von dieser Sorte; aber wenn ich mit Menschen spreche, die Pessimisten sind, dann bemerke ich folgende “Symptome“: Erst einmal sind sie der Überzeugung, dass positiv zu denken versucht wurde, es aber „nicht funktioniert“. Pessimisten erkennt man daran, dass sie bei dem Thema abweisend reagieren und ein tiefsitzender Unglaube besteht. Häufig fehlt das Verständnis, da positive Erfahrungen in dieser Richtung ausgeblieben sind. Menschen scheinen hier in einem Kreislauf festzustecken, aus dem nur schwer auszubrechen ist. Schlechte Erlebnisse führen zu einem schlechten Selbstkonzept, das auf „das Pech“ zurückgeführt wird, und das sorgt wiederum für negative Erwartungen auf alle anderen Situationen bezogen. Da Negatives von Beginn an erwartet wird, liegt der Fokus des Pessimisten auch ausschließlich auf den negativen Auswirkungen. Positives wird nicht mehr als solches wahrgenommen und es wird lieber auf das Schlimmste vertraut das passieren kann, weil es „schon immer so war“. Diese Überzeugung ist so festgefahren, das selbst in einfachen, alltäglichen Situationen nur die „dunkle Seite“ gesehen wird, bzw. gesehen werden will. Dies ist zwar nur eine Theorie, die bisher nicht wissenschaftlich und empirisch belegt wurde, die aber zuzutreffen scheint, wenn ich die einzelnen Persönlichkeiten in meinem Umfeld in den Fokus nehme. Der Gedanke dahinter ist nicht, dass Optimisten nichts Schlimmes passiert oder naiv sind, sondern, dass sie resilient mit solchen Erfahrungen umgehen. Ob man positiv, negativ oder realistisch eingestellt ist, ändert ja nichts an der kommenden Situation an sich, sondern wie man damit umgeht. Eine vorangehende positive Einstellung sorgt zudem dafür, dass der Geist viel besser gerüstet ist. Eine spirituellere Ansicht, sie sich aus eigener Erfahrung bestätigen lässt, ist die, dass positives Denken positive Geschehnisse anzieht.

Ein guter Weg um das Leben einfacher zu nehmen, ist die volle Hingabe in den Lauf des Lebens:

1.       Der Zug hat Verspätung, daran kann man nichts ändern, also macht man das Beste draus.

2.       Man hat eine Entscheidung getroffen und gibt sich dem Weg hin für den man sich entschieden hat.

3.       Man gibt sich dem Leben hin, indem man vertraut, dass Gott/ das Universum einen Plan für einen hat.

Diese Lebensweise verlangt, dass man akzeptiert die Kontrolle abzugeben. Man kann zwar Entscheidungen treffen, allerdings lässt sich die Zukunft niemals voraussagen und erst recht nicht vollkommen beeinflussen. Im Endeffekt ist jedes Individuum dem Lauf des Lebens unterlegen. Das Einzige, das man als intelligentes Lebewesen in diesem Lauf vornehmen kann, ist die mentale Einstellung. Betrachtet man wie unterschiedlich die Auswirkungen von unterschiedlichen Denkweisen sein können, dann kommt man leicht zu dem Schluss, dass diese ausschlaggebend sind.

Es gibt viele Arten dieser Hingabe, und um dies auch durchzuhalten, braucht man Vertrauen; Vertrauen in sich selber, Vertrauen, dass alles gut wird. Hingabe und Vertrauen sind hier die Schlüsselwörter für die man sich jederzeit entscheiden kann. Wenn es einem schwerfällt sich tatsächlich hinzugeben, dann startet man mit den kleinen Situationen, wie der Verspätung des Zuges: Durchatmen, das Buch oder den Unikram rausholen und all die negativen Gefühle loslassen- denn, wie gesagt, man kann an dem Problem „Der Zug hat Verspätung“ eh nichts ändern.

Sebastian gab uns dazu eine sehr einfache Veranschaulichung, die zu einfach erscheint und nicht unbedingt auf alle Lebenssituationen passen mag, aber dennoch hilfreich sein kann:  

Man beginnt sich die Frage zu stellen, ob man ein Problem im Leben hat. Ist die Antwort darauf „nein“, dann: „don’t worry“. Ist die Antwort darauf aber „ja“, dann stellst du dir die Frage, ob du etwas tun kannst um das Problem zu lösen. Lautet die Antwort darauf „ja“, „then don’t worry“, musst du dies verneinen, dann gib dich dieser Situation hin und „don’t worry“.

Dieses Prinzip geht auf das zurück, was ich schon erwähnt hatte: Wenn du an einer Situation eh nichts ändern kannst, dann gib dich dem „Flow“ des Lebens hin und mach das Beste draus- und generell: mach dir keine Sorgen, solange du vertraust wird alles gut.

Wie ich sagte, ein einfaches und manchmal hilfreiches Prinzip, aber es funktioniert eben nicht immer: So meldete sich eine von uns jungen Frauen mit Tränen in den Augen und erzählte, dass sie seit mehreren Jahren versucht Mutter zu werden und dass es ihr Herzenswunsch ist. Sie und ihr Mann hatten schon einiges versucht und durchgemacht, um das Problem zu lösen, doch es hatte bisher nicht geklappt. Ihre Frage: „Wie soll ich mich in dieser Situation hingeben und nur vertrauen, wenn es doch offensichtlich nicht klappt und es doch mein größter Traum ist schwanger zu sein?!“. Ihr flossen die Tränen mittlerweile über das Gesicht und man merkte Sebastian an, dass er damit überfordert war, doch er antwortete darauf. Sein nicht allzu befriedigender Rat war, es weiter zu probieren und positiv zu bleiben. Mich beschäftigte in dem Moment seiner Reaktion allerdings nicht die Qualität seiner Antwort, sondern dass diese Frau ihre Verwundbarkeit vor uns allen zeigte, wo wir uns doch alle gerade erst kennengelernt hatten. Mein erster Gedanke war: „Vor allen weinen zu müssen, krass.“, doch dann merkte ich, dass ich es eher beeindruckend fand, dass jemand auf die Weise seine Gefühle ausdrücken konnte. Sie hatte einen solch lieblichen Wunsch, der doch so einfach erschien- jeden Tag werden Frauen schwanger und für manche von ihnen ist das der Weltuntergang, doch für diese eine junge Frau war es ein bisher unerreichter Traum. Sie teilte uns diesen mit, während sie all ihre Wunden offenlegte. Da bekam selbst ich feuchte Augen und ein Teil von mir wurde mit dem Erlebnis sensibler und offener gegenüber solchen Gefühlen. Ich war immer eher der Anti- Gefühlstyp. Ich habe es gehasst tiefe Gefühle zu zeigen. Ich dachte, dass es mich weniger stark macht und ich wollte immer stark sein. Aber ich habe in diesem letzten Jahr gelernt, dass das Reden über Gefühle und sie auch zu zeigen, so viel Kraft gibt. Gute und schlechte Tränen lassen alles raus und mein Lachen ist seitdem lauter als jemals zuvor. Deshalb solltest du immer mitteilen, wie du fühlst (über jemanden oder über eine bestimmte Gegebenheit). Es wird deine Welt von Grund auf verändern.

Zu dem Thema wollten einige aus dem Kurs etwas beitragen und Alex, die Zweitälteste in unserem Kurs, sagte: „In solchen ungewünschten Situationen sollte man sich immer fragen: ‚Warum passiert etwas für mich‘ anstatt ‚Warum passiert mir das?‘.“ Für mich war es sehr schwer diesen Spruch anzunehmen, denn wieder wollte sich irgendetwas in mir dagegenstellen und nicht akzeptieren, dass man in einer Situation die Opferrolle aufgibt. Mir kam wieder in den Sinn was wir vor ein paar Tagen im Unterricht als Thema hatten: „Wir wollen manchmal leiden“ und mir wurde direkt klar, dass dies genau der Grund für meine Abwehr war. Als ich das realisierte, ließ ich los und konnte Alex weise Worte in mein Repertoire aufnehmen. 

 

Jeden Tag hatten wir im Philosophieunterricht ein anderes Thema, das mir Klarheit für jede Lebenssituation bot. Auch wenn Sebastian uns zwischendurch Gesprächsstoff für das Dinner gab, indem er manchmal unmögliche Aussagen machte, will ich diese hier ausblenden und folgend nur von dem positiven Inhalt berichten.

Wir nahmen uns die einzelnen Niyamas vor und da gefiel mir besonders der Begriff ‚Tapas‘; nicht nur weil das Essen, das denselben Namen trägt, super lecker ist, sondern auch weil es eine tolle Intention hat. Es beschreibt die Selbstdisziplin, die einem wohl alltäglich ins Bewusstsein kommt: „Esse ich dieses zweite Stück Schokolade oder kann ich widerstehen?“. Um diszipliniert zu sein/zu bleiben gilt es, ein „inneres Feuer“ zu kreieren, das sich als starke Selbstdisziplin bemerkbar macht. Um diese tatsächlich resistent zu machen, müssen die Intentionen so gesetzt werden, dass sie motivieren. Beispielsweise ist es so, dass wenn man eine Diät macht und diese aber nicht durchzieht, man sich automatisch als „Verlierer“ sieht. Diese Meinung über sich selber kann negative Auswirkungen auf andere Bereiche haben, wie bspw. die Einstellung, dass man etwas sowieso nicht schaffen kann (negatives Selbstkonzept). Aus diesem Grund müssen die ‚Tapas‘ intelligent gesetzt werden. Ich bleibe bei dem Beispiel Diät: Hierbei soll man sich nicht als Ziel setzen nie wieder Süßigkeiten zu essen, sondern erstmal versuchen nur zwei Tage darauf zu verzichten. Nach den zwei Tagen hat man dann bereits ein kleines Erfolgserlebnis, setzt sich sein nächstes Ziel dann ein Stückchen höher und macht aus den zwei Tagen vier Tage usw. Der ganze Plan wird also kleinschrittig angegangen, sodass es einfach wird Erfolg zu haben und somit die Motivation gefördert wird. Wenn man ein Ziel vor Augen hat; und das kann alles Mögliche sein, dann startet man damit sich eine Intention zu setzen (1.), als 2. kommt das Festlegen einer Deadline. 3. Gewinne in deinem eigenen Rhythmus (kleinschrittiger Erfolgsplan), 4. Formuliere deine Tapas positiv („Ich werde die nächsten Tage gesund essen!“ anstatt „Ich werde die nächsten Tage keine Süßigkeiten mehr essen“).  5. Formuliere dein Ziel folgendermaßen: „Ich möchte gesünder sein“, anstatt „Ich möchte 10 Kilo abnehmen“. 6. Wiederhole deine Intentionen regelmäßig. 7. Gib dein Ziel eventuell an die Öffentlichkeit, damit es schwieriger wird vor anderen Augen aufzugeben und 8., und das ist das Wichtigste: Feier jedes kleinste Erfolgserlebnis! Das ganze Prinzip der Tapas ist Teil des Weges zu einem glücklichen Leben. Dieser besteht aus drei Schritten, die konsequent eingehalten werden müssen. Zuallererst kommt sie Aufmerksamkeit sich selber gegenüber, bei der man sich besser kennenlernt und herausfindet, was genau man will. Hat man dies erforscht, dann folgt die konsequente Handlung, die einen zum Ziel führt. Der dritte Schritt ist das Vertrauen, bzw. auch das Aufbauen des Selbstbewusstseins das Ziel auch erreichen zu können. Vieles, was wir beim Yoga lernen und üben, wie bspw. die Aufmerksamkeit auf Geist und Körper, können wir also auch auf größere Dinge in unserem Leben anwenden, die dieses grundlegend verändern können. Aus diesem Grund ist es fast unmöglich Yoga zu praktizieren und nichts Positives auf sein eigenes Leben zu übertragen. Hat man einmal das Wissen über die verschiedenen Schlüssel zu einem positiven Selbst erlangt, so benutzt man diese in jeglicher Hinsicht. Ich persönlich habe dadurch viel über mich selbst gelernt und bin so viel aufmerksamer geworden. Eine gute Hilfe war mir dabei nicht nur die unterstützende Freundschaft von Sam, sondern auch mein Tagebuch, in das ich meine Gefühle und meine Ziele schreibe. Wenn ich jetzt beim Schreiben von meinem Blog mein Tagebuch zur Hilfe nehme, dann merke ich, wie stark ich mich tatsächlich verändert habe.

 

Unser Unterricht war in den ersten zwei Wochen immer so aufgebaut, dass wir nach dem täglichen Yoga am frühen Morgen eine Einheit zur Anatomie, zu den Prinzipien oder den einzelnen Posen hatten, wo wir viel über den Körper in den Asanas lernten. Anschließend kam meistens eine Einheit Philosophie dazu, von der ich hier inhaltlich bisher am meisten erzählt habe. Die anderen Bereiche sind aufgrund von den Bewegungsabläufen in der Praxis schwer zu erklären. Möchte man mehr zur Yogapraxis an sich wissen, empfehle ich in einen Yoga Kurs zu gehen, der vielleicht auch Bereiche der Anatomie hineinnimmt, bzw. wo der Effekt einzelner Posen genauer erklärt wird. Die Unterrichtseinheit am Abend gestaltete sich durch eine zweite Runde Yoga, Yoga Nidra oder gemeinsamen Singen und anschließender Meditation.

Zu dieser Zeit wollte ich noch nicht meditieren, da ich den Sinn für mich noch nicht gefunden hatte. Deshalb machte ich einen „mindful walk“ am Strand und sah, dass Sam zur selben Zeit in dieselbe Richtung ging. Wir sollten dabei ja nicht miteinander reden und so wusste ich auch nicht, ob ich sie in Ruhe beim Laufen meditieren lassen sollte, oder ob ich zu ihr hinübergehen sollte. Ich entschloss mich dazu, sie selbst zu mir kommen zu lassen, wenn sie denn wollte und beschäftigte mich stattdessen mit meinem eigenen Spaziergang. Ich versuchte alles um mich herum wahrzunehmen: wie sich der Sand unter meinen nackten Füßen anfühlte, was für verschiedene Steine und Muscheln auf meinem Weg lagen, wie sich meine Umgebung anhörte etc. Ich entdeckte eine Kokosnuss und untersuchte sie mit meinem Fuß. Sam berichtete mir später, dass sie sich kaum auf ihre Meditation konzentrieren konnte, weil sie immer gucken musste, wo ich gerade bin und was ich so mache. Als ich dann anfing auf der Kokosnuss zu balancieren, war es vorbei mit ihrer inneren Ruhe und sie musste laut lachen. Ich hörte dieses Lachen, musste lächeln als ich zu ihr herüberschaute und da beschloss ich kehrt zu machen, denn auch ich konnte mich nun nicht weiter mit der „mindfulness“ auseinandersetzen. Alles was ich wollte war zu Sam rüberzugehen.

 

Kapitel 7 – Warum Plastik so scheiße ist und meine Tour nach Uluwatu

 

Endlich hatten wir zwei Tage am Stück frei. Nach der ersten Woche bekamen wir zwar auch schon einen freien Tag, aber der war reserviert um sich mal auszuruhen, bzw. mal zu genießen, wo man eigentlich war: auf einer Insel vor Bali, direkt am Meer. Die beiden freien Tage packte ich allerdings voll, denn ich wollte unbedingt noch einmal auf die Hauptinsel (Bali), um nach Uluwatu zu fahren. Also buchte ich mir für eine Nacht ein Hotelzimmer und freute mich schon jetzt auf den Luxus, der mir in meinem Bungalow auf Lembongan fehlte. So ging es wohl jedem aus dem Kurs, denn niemand hatte so wirklich Zeit zwischen dem Unterricht und den Hausaufgaben Bali so richtig zu genießen und zu erkunden. Laelia zum Beispiel wollte nach Canguu, um dort in einem Haus eines Freundes zu übernachten und den ganzen Tag zu surfen. Auch Erica wollte nur surfen und sich dafür mit einer Freundin auf Bali treffen. Wir überlegten zu dritt, am letzten Tag vor den zwei freien Tagen schon mit dem Boot zu fahren, um zwei Nächte woanders verbringen zu können, anstatt nur einer. Natürlich hatten wir aber an diesem Tag bis 5 Uhr Unterricht, sodass es danach keine Boote mehr geben würde, die nach Bali fahren (aufgrund des sich ändernden Wasserspiegels). Demnach mussten wir uns überlegen, ob wir einen Teil vom Unterricht fehlen wollten. Laelia fragte Sebastian und Thia, ob dies möglich wäre, immerhin wäre nur noch Praxisunterricht am Abend vorgesehen. Thia meinte, sie könne uns nichts verbieten, aber Sebastian wurde böse als er von uns hörte, dass wir indirekt von Thia freibekommen hatten. Er sagte vor allen, wie schlimm er es fand, dass einige von uns schon früher gehen wollten und stellte uns und sogar Thia bloß. Da hatte ich mich schon gegen unsere Idee entschieden, da ich keinen Ärger wollte. Laelia hingegen machte nun erst recht genau das Gegenteil was Sebastian sagte und ging einfach aus der Shala, ohne dass Sebastian es merkte. Sie packte ihre Sachen und nahm noch am selben Tag das Boot nach Bali, um dann nach Canguu zu fahren. Auch Erica blieb doch noch da und man sah ihr ihre Enttäuschung darüber an. Immerhin waren wir alle erwachsene Menschen, die eigentlich selbst entscheiden können sollten, wie viel sie von dem teuren Kurs auch wirklich besuchten. Die Verantwortung sollte bei jedem selber liegen, ob man riskieren wollte den Yogaschein nicht zu bekommen. Aber nur weil man mal die Selfpractice verpasst, wäre das kein Grund gewesen einem die Ausbildung nicht zu bestätigen. Die Reaktionen unserer Lehrer fand ich deshalb viel zu übertrieben. Während wir unsere Selfpractice durchführten, zählte Sebastian unsere Anwesenheit nach und ich sah wie es in ihm brodelte, als er merkte, dass Laelia fehlte. Eigentlich komisch für einen, der sich selbst als Mahatma Gandhi darstellt. Dies machte ihn mal wieder ein Stück unauthentischer. Erica beschloss nach dem Unterricht einfach eine Nacht länger in Uluwatu zu bleiben und eine Ausrede zu finden, warum sie erst einen Tag nach der Freizeit wiederkam. Ich hatte meinen bevorstehenden Aufenthalt in Uluwatu nicht verlängert, obwohl ich liebend gerne eine Nacht mehr in einem gemütlichen Bett verbracht hätte.

Weil mein Schiff erst am Nachmittag unseres ersten freien Tages ging, konnte ich noch mit einigen anderen aus der Gruppe zum Schnorcheln rausfahren. Dazu hatten wir uns ein Boot mit Fahrer gemietet, der uns alles Nötige bereitstellte und uns zu den besten Stellen fahren konnte. Sam und ich setzten uns ganz nach vorne auf die Spitze des Bootes und quietschten, wenn wir über Wellen fuhren und das Boot so doll hüpfte, dass wir das Gefühl hatten in einer Achterbahn zu sitzen. Ich war so unfassbar glücklich in diesem Moment, denn die Sonne schien, ich konnte Strände sehen, wo ich schon mit Nicki gewesen war, sah auch neue Buchten und eine Schildkröte schwamm direkt an unserem Boot vorbei. Wir stoppten an mehreren Stellen um dort zu schnorcheln und ich konnte kaum glauben, wie wunderschön die Unterwasserwelt war. Leider sahen wir auch einiges an Plastik, das wir Unterwasser fischten und auf dem Boot sammelten.

 

Das Ausmaß des Plastikmülls, wie ich schon einige Male erwähnte, war auf Bali besonders deutlich zu spüren. Nicht nur beim Schnorcheln oder in den Straßen, sondern auch an unserem wunderschönen Strand konnte man den Abfall sehen. In einer Nacht, nur wenige Tage nach dem Ausflug, war es recht stürmisch, sodass das Meer über Nacht allerlei unterschiedlichen Müll angeschwemmt hatte. In der ersten Pause die wir hatten, nahmen wir uns Müllsäcke aus dem G&J’s und begannen Quadratmeter für Quadratmeter vom Plastik zu befreien. Wir waren zunächst alleine, bis nach und nach fremde Menschen dazu kamen und uns halfen. Auch die Mitarbeiter vom G&J’s halfen und viele balinesische Kinder rannten zu uns, um sich ebenfalls in den Sand zu knien und den Plastikmüll aufzusammeln. Schon bald bildeten wir eine lange Schlange, die sich über den Strand erstreckte und füllten einen Müllsack nach dem anderen. Es war so erschreckend wie viel Plastikmüll nach nur einem einzigen Sturm dort herumlag. Ich wollte mir gar nicht erst ausmalen, wie viel noch dort draußen herumschwamm und unsere Meere beschmutzte. Doch das aller Erschreckendste war, dass so viel sinnloser Müll dabei war. Am meisten sammelte ich Plastikstrohhalme und Plastiklöffel; Dinge, die man nicht braucht und wenn man sie benutzen muss, in umweltfreundlicheren Varianten vorhanden sind. Wir brauchten sehr lange, um nur einen Teil des Strandes sauber zu bekommen und mussten dann wieder in die Yogashala. Die Lehrerinnen hatten mitbekommen, dass wir alle aufgeräumt hatten und das wurde selbstverständlich angesprochen. Uns wurde mitgeteilt, dass das G&J’s, das der Australierin gehörte die auch Santosha leitete, sich um den Müll verantwortungsvoll kümmern werde. In der nächsten Pause räumten wir weiter auf und am Abend war der ganze Müll verschwunden und das Holz, das wir vom Plastik getrennt hatten, wurde zu mehreren Haufen am Strand aufgestapelt. Sobald die Sonne unterging wurden zündeten wir die Holzhaufen an und man sah von Weitem die vielen Lagerfeuer leuchten. Es erfüllte uns alle mit Stolz und Zufriedenheit, denn die vielen flimmernden Punkte in der Ferne waren Zeichen eines erfolgreichen Tages, an dem wir alle zusammen etwas Gutes für unsere Mutter Natur tun konnten.

 

Zurück zum Ausflug: Nach stundenlangem Schwimmen mit den bunten Fischen an verschiedenen Riffen, fuhren wir wieder zurück zum Strand, wo wir hergekommen waren. Wir hatten so einen wundervollen Vormittag gehabt und so wunderschöne Tiere und Korallen gesehen, dass das Gute zum Glück die Erfahrung mit dem Plastikmüll überwog. Mit einem Lächeln im Gesicht kam ich zurück in meinen Bungalow und schnappte mir schnell meine gepackten Sachen für meinen Ausflug. Schon bald ging das Boot nach Bali und ich verabschiedete mich von Sam und den anderen. Es war komisch auf das Boot zu steigen und wegzufahren, denn das nächste Mal, dass ich das tun sollte, war der Weg zurück zum Flughafen. Doch daran wollte ich noch nicht denken, denn das dauerte zum Glück noch ein wenig. Ich ertappte mich bei diesem Gedanken, denn vor ein paar Wochen hatte ich mir noch gewünscht, die Zeit würde schnell rumgehen, um schnell wieder bei Nicki zu sein. Doch nun fühlte ich mich so wohl, hatte neue Freunde, konnte einfach ich selber sein und alle Probleme von Zuhause vergessen. Der Ausblick über das Meer und auf den Vulkan Balis, war unfassbar schön und ich war gespannt, wie meine zwei freien Tage wohl aussehen würden.

Am Hafen angekommen rief ich mir per ‚GoJek‘, dem balinesischen Uber, einen Fahrer, der mich nach Uluwatu bringen sollte. Wir verabredeten uns an einem Donut- Laden. Als ich dort war, wurde ich direkt von einem Mann angesprochen und ich fragte ihn, ob er derjenige von GoJek war und zeigte ihm das Profilbild des Fahrers, den ich gebucht hatte. Er bestätigte mit „jaja“ und einem heftigen Kopfnicken. Ich stieg in sein Auto ein und war überrascht, dass alles in Plastikfolie eingewickelt war- auch die Sitze. Dann bekam ich eine Nachricht von meinem Fahrer über die GoJek- App, der mich fragte, wo ich denn sei. Der Mann, in dessen Auto ich nun saß, war also gar nicht mein gebuchter Fahrer! Ich bekam kurz Panik und in meinen Vorstellungen wurde aus der Plastikfolie ein schrecklicher Tatort. Ich schrieb Sam, dass ich Angst hatte, weil sich mein falscher Fahrer vielleicht mit Dexter identifizierte. Ich schickte ihr meinen Live-Standort per WhatsApp und versuchte so freundlich wie möglich mit dem Fahrer zu quatschen. Er war ganz in Ordnung und nichts passierte, denn er brachte mich bis nach Uluwatu hinein. Doch dann wurde er etwas unfreundlich und wollte mich 400m vor meinem Hotel schon rauswerfen. Ich zeigte ihm bei Google Maps, dass es nicht mehr weit war und er fuhr weiter und wurde aus irgendeinem Grund immer böser. Wie ich später erfuhr, durften Fahrer solcher Onlineunternehmen, falls er denn einer war, nicht nach Uluwatu hineinfahren. Schließlich schmiss er mich am Straßenrand nur einige Meter von meinem Hotel entfernt raus und wurde böse, als ich ihm nicht mehr Geld geben wollte, als wir vorher ausgemacht hatten. Ich ließ mich davon nicht groß beirren, gab ihm ein bisschen Trinkgeld und ließ das gruselige Auto hinter mir. Ich betrat das Hotel und war begeistert. Die Empfangsdame zeigte mir mein eigenes kleines Reihenhäuschen mit Außendusche und einem riesigen Doppelbett mit kuscheligen Decken, einen Fernseher und einen Pool vor der Tür. Ich freute mich schon auf die erholsame Nacht, doch mietete mir erst einen Roller, um Uluwatu zu erkunden. Typisch Ich, hatte ich vorher nicht wirklich Recherche über den kleinen Ort betrieben und mir das Ganze nur bei Google Maps einmal angeschaut. Ungefähr wusste ich wo der Strand war und fuhr direkt dorthin. Ich parkte meinen Roller auf dem überfüllten Parkplatz, bezahlte fürs Parken und wanderte zwischen den ersten Läden entlang. In Uluwatu sind die Strände am Fuße von Klippen, da der Ort selber höher gelegen ist. Demnach musste man erst viele Stufen hinuntersteigen und durch kleine Gässchen hindurch, während links und rechts einige Bars und Shops geöffnet hatten. Je näher ich dem Strand kam, desto mehr wilde Affen saßen am Rand der Wege. Ich hatte ein wenig Respekt vor ihnen, da ich ja wusste, wie frech sie sein konnten, fand es aber auch niedlich, wie sie sich nicht von den vielen Menschen beirren ließen. Direkt am Strand gab es eine große Felsformation mit Höhlen, wo die Wellen hineinbrachen. In einer der großen Höhle waren Treppenstufen in den Stein gehauen, die nach oben auf den Felsen zu einem Café führten. Dort setzte ich mich hin, um eine Kokosnuss zu trinken und beobachtete die vielen Surfer draußen zwischen den Wellen. Die Spätnachmittagssonne tauchte die Klippen in warmes Licht und das Meer glitzerte so wunderschön, dass es fast surreal erschien. Ich genoss die Stunde dort oben sehr, doch es war komisch nach so langer Zeit alleine zu sein und ich brauchte etwas Abwechslung. Zwar hatte ich gelernt für einige Zeit nur für mich zu sein (durch die Meditation), jedoch war es schwer sich mit nichts zu beschäftigen und nur in die Natur zu blicken. Nun denke ich, ich könnte es heute länger dort oben „aushalten“ und genießen und nur dort sitzen, denn mittlerweile kann ich auch bei Meditationen länger still sitzen bleiben. Doch zu der Zeit bekam ich noch schnell Hummeln im Hintern und fuhr zurück, um im Pool ein paar Bahnen zu schwimmen. Erica aus meinem Kurs war nun ebenfalls mit ihrer Freundin in Uluwatu und sie schrieb mir. Mit beiden traf ich mich zum Sonnenuntergang in einer Bar und wir blieben dort und tranken ein paar Bierchen, bis uns der Hunger trennte. Ich glaube das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich alleine zum Abendessen ausging. Auch dies war etwas, was ich im Yogakurs gelernt hatte: Mit sich selber ein Date haben, sich selbst mal auszuführen und etwas Gutes nur für sich zu tun. Für mich war überhaupt nicht komisch dort alleine an einem Tisch zu sitzen, während um mich herum Pärchen und Gruppen speisten. Ich hatte mir, wie eigentlich dauernd in dieser Zeit, eine Frangipani Blüte ins Haar gesteckt und beugte mich tief über meine riesigen Frühlingsrollen und nippte an meinem Bier- ein Wahnsinns Date! Schnell überkam mich die Müdigkeit, denn ich war gewohnt früh ins Bett zu gehen und auch früh wieder aufzustehen. Genüsslich schmiegte ich mich in die weichen Laken und drapierte die vielen Kissen um mich herum. Ach wie sehr man sich doch über so eine Kleinigkeit, wie ein weiches Bett, freuen konnte. Viel zu oft nehmen wir alles zu selbstverständlich und bemerken gar nicht mehr, wie glücklich ein gemütliches Bett machen kann. Ich schlief wie ein Baby, wachte aber nach meinem inneren Wecker recht früh auf. Doch das war super, denn ich war ausgeschlafen und hatte viel Zeit, um mehr von Uluwatu zu erkunden, bevor ich wieder nach Lembongan fahren musste. Mit dem Roller fuhr ich zu dem Tempel von Uluwatu, den ich bei Google Maps erspäht hatte. Da es noch früh am Tag war, waren nur sehr wenig Menschen dort. Am Eingang erhielt ich einen Sarong, ein Tuch, das zu einem langen Rock festgebunden wird. Nur so darf man einen Tempel betreten. Man muss sich das Ganze so vorstellen: Man betritt nicht nur einfach ein heiliges Gebäude, sondern geht in ein Grundstück hinein, wo es exotische kleine Wälder gibt, in denen Affen sich von Baum zu Baum schwingen. Auf den offenen Plätzen dazwischen stehen die vielen verschiedenen und prachtvollen Tempel. Man darf sie zwar meist nicht betreten, aber von außen sieht man schon alles Wichtige, da sie meistens offen sind. Die Türmchen, Säulen und Eingänge sind detailfreundlich bestückt und man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Große gewundene Treppen führen einen zwischen den saftig grünen Pflanzen entlang- von einem Tempel zum nächsten. Auf einem Hügel dort sah ich, dass ich mich direkt auf einem Weg befand, der oben an der Klippe entlangführte. Nur eine märchenhafte Mauer trennte mich vom Abgrund, der steil bis zum Strand herunterreichte. Die Aussicht in diese Bucht hatte etwas mystisches, denn der Strand schien nur vom Wasser aus erreichbar zu sein und die einzigen Lebewesen waren einige Vögel, die durch die Schlucht sausten. Weit und breit war kein Mensch außer mir zu sehen und ich schlenderte friedlich durch einen Wald zurück zum Ausgang. Mein Magen begann zu knurren und da es immernoch früh am Tag war, hatte ich alle Zeit der Welt mir ein süßes Café zu suchen, um gesund zu frühstücken. Im sogenannten „Mango Tree“ saß ich an einem Tresen zur Straße hin, beobachtete die Surfer, die auf den Rollern vorbeifuhren und die Surfbretter nebendran geschnallt hatten, und verspeiste genüsslich mein „Avo on Toast“. Bisher hatte ich einen tollen Morgen gehabt, aber mir fehlten die Anderen und unser Gerede zu Tisch über Gott und die Welt. Ich freute mich sie alle am Abend wiederzusehen, obwohl ich nur eine Nacht fort gewesen war. Doch bevor ich mich auf den Rückweg machte, entdeckte ich eine kleine Boutique gegenüber von dem Café, in dem ich saß. Ich beschloss mir selbst etwas Gutes zu tun, immerhin hatte ich mich selbst auch schon auf ein Date ausgeführt, und kaufte mir eine wunderschöne Muschelkette, hängende Traumfängerohrringe und einen luftigen Rock, der für Deutschland etwas zu gewagt ist. Doch das interessierte mich herzlich wenig, denn in der ganzen Zeit auf Bali wurde mir immer und immer wieder bewusst, dass mein Heimatland mir viel zu spießig ist. An jedem anderen Ort habe ich das Gefühl, mehr frei zu sein und vor allem ich selbst sein zu können, ohne kritisch betrachtet zu werden. Nur weil ich irgendwann wieder zurückmusste, hieß das für mich nicht, dass ich die barfüßige, wie ein sinnlicher Hippie gekleidete und brennende Amelie aufgeben würde. Bei dem Gedanken kam mir schon eine erste Idee für mein nächstes Tattoo, aber dazu später mehr. Ich hatte noch einige Stunden Zeit, bevor ich zum Hafen musste und besichtigte zwei verschiedene Strände. An dem einen blieb ich länger sitzen, las und wurde von einem jungen Mann aus Israel angesprochen. Ich unterhielt mich eine Stunde lang mit ihm über das Reisen und meinen Yogakurs. Als ich aufbrechen musste, hatte ich ihn davon überzeugt auch mit Yoga anzufangen und damit war er der Erste von Vielen, die ich fast schon dazu drängte. Und auch hier starte ich wieder einen Aufruf: Jeder kann Yoga machen! Man muss nicht stark, flexibel etc. sein, denn man wird durch Yoga stark, flexibel usw. Jeder kann mit einem, für sich passenden, Flow beginnen und dann immer weiter gehen. Es gibt kein Ziel, denn Yoga ist wie eine Reise, die niemals endet. Wenn man Yoga in seine wöchentliche, und bestenfalls in seine tägliche Routine einbaut, wächst man unendlich weiter – nicht nur körperlich.

 

Kapitel 8 – Meditation und it’s just fucking Yoga

 

Als ich schließlich wieder im Boot saß, Lembongan immer näher kam, das Wasser wieder türkiser wurde, überkam mich das Gefühl wie nach Hause zu kommen. Die Sonne schien satt und wohltuend warm, als ich mit meinen nackten Füßen den Sand der mir bekannten Insel berührte. Ich tapste genüsslich und „mindfully“ am Strand entlang, ließ meinen neuen Rock um meine braunen Beine wehen und konnte mir das Lächeln kaum verkneifen. Bevor ich zu meinem Bungalow zurückkehrte, aß ich noch an einem der am Strand gelegenen Restaurants zu Mittag. Ich war so unfassbar friedlich und entspannt, dass ich doch tatsächlich mein Handy an dem Tisch liegen ließ, als ich mich aufmachte. Fast unglaublich, wenn man mich kennt und weiß, dass mein Handy mein Baby ist. Zum Glück rannte mir der Kellner hinterher und gab es mir zurück, sonst wäre ich aufgeschmissen gewesen. Diese netten Balinesen!!!

Oh, wie freute ich mich wieder in Sams Arme zu fallen und all die Anderen von ihren Abenteuern eintrudeln zu sehen. Jeder hatte was anderes zu erzählen und es war schön die vielen Geschichten über Erlebtes zu hören. Eine neue, frische Energie schien wieder unter uns zu weilen und das war gut, denn der Stress mit den Hausaufgaben und dem vielen Lernen sollte am nächsten Morgen weitergehen. Zum Glück behielt ich mir meine Gelassenheit bei, sodass es mir zwar schwer viel wieder so früh aufzustehen, mir es aber allerdings egal war, dass ich vor lauter Müdigkeit verpeilte, mich für meine Uni-Kurse anzumelden. Irgendwie sollte das schon funktionieren sobald ich erst wieder in Deutschland war, dachte ich mir. So war es dann auch und zum Glück hatte ich deshalb keine Panik geschoben, denn manchmal ist alles halb so schlimm, wie man zunächst denkt. Solange man erstmal eh nichts dran ändern kann, kann man das Problem auch erstmal beiseiteschieben. Also konzentrierte ich mich wieder auf die Inhalte des Yogakurses. Der Morgenflow änderte sich kaum und vor allem Laelia und ich wünschten uns mehr Anstrengung und Variabilität. Zum Glück konnten wir am Nachmittag bei unserer Selfpractice richtig loslegen. Zwischendrin ging es mit den Prinzipien des Yoga, der Rolle des Lehrers, wie man unterrichtet und der Art und Weise, wie man einen Yogaflow schreibt, weiter.  Wie man sieht, hatten wir nun kein Philosophieunterricht mehr, aber Sebastian blieb noch in einigen Unterrichtseinheiten unser Lehrer.

Wir bekamen den Auftrag drei Dinge/Personen aufzuschreiben, die wir am meisten lieben. Dies viel mir besonders schwer, denn ich wollte Nicki nicht über meine Familie stellen und andersherum. Also platzierte ich beide auf Platz 1 und schrieb mein Lieblingsessen (Pfannkuchen) auf Platz 2, nur um kurz danach von Sebastian gesagt zubekommen, dass meine Reihenfolge so nicht sein sollte. Jeder sollte auf dem ersten Platz sich selber stehen haben, denn erst wenn man sich um sich selber gut kümmert, sich liebt, akzeptiert und eine gute Beziehung zu sich selber hat, kann man gute Beziehungen zu Anderen pflegen. Ich hatte früher immer Angst, dass es als arrogant oder egoistisch angesehen wird, wenn ich mich zu meiner Nummer 1 mache, aber damals verstand ich noch nicht, dass Selbstliebe nicht mit Arroganz gleichzusetzen ist. Selbstliebe ist ein positives Wort, das den Grundstein für ein glückliches Leben legt. Wir alle wissen, wie schwer es ist, Selbstliebe auf immer und ewig aufrecht zu erhalten, denn es gehört viel Übung dazu, das kritisierende Ego auszuschalten. Auch, um ein guter Lehrer/eine gute Lehrerin zu sein, muss man lernen sich selbst zu lieben. Erst dadurch kommt man authentisch rüber und kann seinen SchülerInnen behilflich dabei sein, sich genauso zu finden. Wie ich schonmal erwähnte, ist Yoga, was die Selbstliebe/ Selbstfindung angeht, unfassbar hilfreich. Wir lernten, was noch grundlegend ist, um ein(e) gute Lehrer(in) zu sein. Dabei ist die Sprache von der Lautstärke und der Betonung her wichtig, ebenso wie die Intention, warum man Yoga unterrichtet. Hinzu kommt die Ehrlichkeit, dass man das unterrichtet, mit dem man sich verbunden fühlt, seinen Schülern zuhört, dass man sein Ego ausschaltet, auf die Schüler eingeht und dass man authentisch bleibt, indem man seine Emotionen nicht versteckt. Es gehört viel mehr dazu, als nur einen Flow runter zu rattern und gerade am Anfang ist es schwer sich an alles zu erinnern. Mittlerweile kann ich schon gar nicht mehr sagen, wie oft genau ich unterrichtet habe und stelle fest, dass sich alles von selber mit der Zeit einpendelt: Man findet seinen eigenen Stil, man definiert sich in individueller Weise als eine bestimmte Lehrerin, bekommt seine eigenen Stammschüler und wird immer sicherer in all den Dingen, die eine gute Yogalehrerin ausmachen.

Wir lernten auch verschiedene Arten der Meditation, wie bspw. das Verwenden einer Perlenkette, genannt „Mala Beads“. Die Ketten haben 108 Perlen und eine etwas größere Perle, an der oft noch Fransen hängen. Die Nummer 108 hat in verschiedenen Religionen unterschiedliche Bedeutungen und es wurde uns erklärt, dass die Verwendung der Kette keineswegs religiös sein muss.  So stehen die Perlen im Hinduismus für die verschiedenen Gottheiten, und im Buddhismus für die verschiedenen Lehren Buddhas. Die größere Perle gilt als Guru-Perle, bei der man seinen Guru oder eben Lehrer ehrt. Die einzelnen Perlen können aber auch einfach nur als Konzentrationshilfe beim Meditieren dienen, denn mit den Fingern wandert man von einer Perle zur nächsten und wiederholt das Mantra der Meditation solange, bis man wieder bei der großen Perle angekommen ist. Durch die Beschäftigung der Finger in Verbindung mit dem Sprechen/ Denken, fällt es einem leichter gedanklich nicht vom Mantra abzulenken. Manche aus dem Kurs hatten sich schon vor dem YTT eine Kette gekauft, doch für mich war das nichts, denn ich lasse gerne meine Gedanken entspannen, solange sie bei der Meditation bleiben. Wir sollten diese Art der Meditation trotzdem üben und suchten uns einen Partner. Sam und ich bildeten immer ein Zweier-Team und das war toll, denn so war die Mala Beads Meditation weniger langweilig.  Zu dieser Zeit wollte ich noch nicht wirklich meditieren und konnte nicht verstehen, dass es Mädels gab, die in der Meditation „Dinge“ erlebten. Eine andere Methode zu meditieren, ist eine besondere Art der Atmung die recht zügig geht. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie genau sie ging, denn wie gesagt interessierte mich das noch nicht. Wir atmeten alle gemeinsam in einem wilden Gepuste und sprachen anschließend über die Erfahrungen. Eine Amerikanerin meldete sich und berichtete von Farben die sie sah, und die sich an ihrer Wirbelsäule emporschlängelten. Ich dachte nur, sie müsse verrückt sein. Dann gab es noch eine „Amber“, die von Anfang an kerzengerade und stundenlang im Schneidersitz sitzen konnte und sich zwischendurch aus einem Säckchen ätherische Öle auf die Handflächen schmierte. Sie hatte Achsel- und Beinhaare, war unfassbar besserwisserisch und indirekt herablassend. Kurzum: Ich, bzw. die Familie, mochte sie nicht wirklich. Sie erzählte jedes Mal von ihren wahninnigen Erfahrungen bei der Meditation und Jeder, der diesen Status nicht erreicht hatte, „war noch nicht soweit“ und sie gab ganz wertvolle Tipps, nach denen man nicht gefragt hatte und die ich mir total zu Herzen nahm. (Achtung Sarkasmus). Trotz allem war es gut die verschiedenen Methoden der Meditation kennenzulernen und zu wissen, dass es eben nicht nur still im Sitzen möglich ist. Dass jeder auf seine liebste Art meditieren kann, war für mich eine erste Erkenntnis, die mir die Meditation näherbrachte. Mittlerweile sitze sogar ich still im Schneidersitz und muss keine „mindfully“ Spaziergänge mehr machen. Bei den Prinzipien lernten wir auch mehr über den Atem und das fand ich sehr interessant. Zwar wusste ich vorher, dass das Atmen wichtig beim Sport ist, allerdings ist es auch besonders wichtig für das allgemeine Wohlbefinden. Um bspw. den Stress zu reduzieren kann man seine Ausatmung bewusst verlängern, wodurch die Einatmung auch automatisch länger wird. Durch die ruhigere und tiefere Atmung wird man somit entspannter. Auch den Bauch mal nicht einzuziehen, nur um gut auszusehen ist wichtig, denn in der Bauchregion bilden sich sonst viele Spannungen, die dann erstmal losgelassen werden müssen. In den Yogaposen ist es demnach ebenfalls wichtig, bewusst zu atmen, um die besten Benefits aus der Pose rauszuholen und gleichzeitig keine unnötige, stressige Spannung irgendwo im Körper zu halten. Aus diesem Grund starteten alle Flows bei Santosha mit einer Aufmerksamkeitsübung für die verschiedenen Arten der Atmung (Bauch- und Brustatmung). Der darauf folgende Aufbau eines Yogaflows hielt sich immer an einen strikten Leitfaden, aus dem ich manchmal gerne ausgebrochen wäre. Doch das konnte ich später immer noch, wenn ich erstmal Yogalehrerin sein würde. Nun musste ich mich erstmal daran halten, um eines der Assignments zu bestehen. Dazu überlegten wir uns eine fiktive Gruppe von Schülern, die bestimmte Defizite aufwiesen und schrieben unseren ersten eigenen Flow, den wir anschließend mit Partnern übten. So langsam wurde es ernst und es ging in Richtung finaler Prüfung. Ich fühlte mich noch nicht sicher genug, um zu unterrichten, aber ich wollte unbedingt schon damit anfangen. Ganz zu Anfang hatten wir schon eigene Unterrichtselemente in unserem Tag mit drin. Wir wurden alphabetisch zu jeweils zwei verschiedenen Yogaposen zugeteilt, die wir beim morgendlichen Yogaflow mit der gesamten Gruppe durchführen mussten. Das ist zwar nicht zu vergleichen mit einem kompletten Kurs, aber selbst bei dieser Kleinigkeit war ich unfassbar aufgeregt (im positiven Sinne). Laelia beruhigte mich oft, indem sie sagte, dass es nur Yoga sei und sie nicht glaube, dass unsere Lehrerinnen jemanden durchfliegen lassen würden.

In der zweiten Hälfte des YTT sprachen wir weiterhin viel über die Rolle des Lehrers, wie man seinen Unterricht sequenziert und wie man mit den Schülern umgeht. Tagtäglich übten und schrieben wir eigene Flows oder Sequenzen und suchten uns einen Partner mit dem wir die Durchläufe übten. Ich merkte schon bald, dass meine Schwäche, meine von Natur aus zu leise Stimme war, aber auch, dass diese unheimlich beruhigend und freundlich bei den Anderen ankam, wenn ich vorne stand. So langsam sah ich mich in meiner Phantasie als Yogalehrerin: Ich sah, welche Haltung ich hatte, wie meine Sprache war, meine Mimik und Gestik und wie meine Flows strukturiert waren. Ich wiederhole mich, aber ich konnte es echt kaum erwarten durchzustarten! Wenn ich so jeden einzelnen von uns ansah, konnte ich mir ein solches Bild auch von manch anderen machen. Bei einigen anderen wiederrum, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie jemals irgendwen unterrichten würden. Das klingt fieser als es gemeint ist, aber ich sah es eben einfach nicht in meiner Vorstellung. Zum Beispiel gab es eine Asiatin in unserem Kurs; ich weiß nicht mal mehr ihren Namen, da ich nichts mit ihr in der ganzen Zeit zu tun hatte, glaube aber sie hieß Mini. Nennen wir sie einfach Mini. Mini jedenfalls, stellte sich bei allem unfassbar dumm an und obwohl sie sicherlich eine ganz Liebe war, konnte ich nicht damit sympathisieren, dass man handelte wie sie. Es fing damit an, dass sie im Unterricht so oft nickte, dass man fast wie bei einem Wackeldackel hypnotisiert wurde und das nervte mich, denn wenn man einmal auf etwas achtet, kann man es nicht mehr ignorieren. Sie schrieb alles mit, verstand aber kaum etwas, denn ihr Englisch war sehr schlecht. Sie fragte erst in der letzten Woche, was denn der Pelvic Floor sei, was wir ja schon seit Wochen jeden Morgen thematisiert hatten. Immer wenn sie vorne war und uns in ihren Sequenzen unterrichtete, verwechselte sie die Einatmung und die Ausatmung, weil sie sich nicht merken konnte, welches englische Wort was bedeutet und konnte zudem das ‚r‘ nicht aussprechen und ersetzte es durch ein ‚l‘, was manchmal einfach niedlich und lustig zugleich war; wie sollte man da entspannen?! Aber ich möchte nicht weiter schlecht über sie reden, denn ich weiß nichts über sie. Dies waren nur einige Beispiele, warum ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie jemals unterrichten sollte. Oh, Moment- eine Mini- Geschichte habe ich noch: Ich hatte ja erzählt, dass Santosha viel Wert darauf legte, dass wir sicher in unserer Freizeit waren und auf uns achteten, wie bspw. wenn wir Rollerfahren wollten. Es wurde öfter gesagt, dass wir uns fahren lassen sollten, wenn wir nie vorher alleine auf einem Roller gesessen hatten. Mini viel in die Personengruppe, die besser einen Fahrer gebraucht hätte, denn sie legte sich nach wenigen Metern mit ihrem Scooter hin. An den zwei freien Tagen fuhr eine Gruppe von Mädels rüber auf die Nachbarinsel Ceningan, um dort in den Strandbars zu relaxen. Constanze, die mit dabei war, erzählte mir dann was passierte: Mini sprang auf, als alle anderen baden gingen und schnappte sich den Rollerschlüssel. Constanze sah das und fragte sie, was sie denn vorhabe. Mini versuchte den Schlüssel hinter ihrem Rücken zu verstecken und meinte, sie müsse noch was erledigen. Daraufhin wurde Constanze wütend und sagte ihr, sie solle nicht nochmal mit dem Roller fahren, wenn sie kein Roller fahren konnte. Doch Mini bestand darauf, dass sie eben doch fahren konnte und jetzt fahren wollte. Sie war eine erwachsene junge Frau und konnte selbst entscheiden, wie verantwortungslos sie sein wollte; also ließ Constanze sie ziehen. Die Mädels warteten sehr lange bis Mini wieder zurückkam. Sie setzte sich wieder hin ohne was zu sagen, doch alle konnten sehen, dass etwas nicht stimmte. Sie versuchte zudem ihr Bein zu verstecken und beteuerte es sei nichts, als die Anderen sich sorgten. Natürlich brachte es nichts, eine solche Wunde zu verstecken, denn ihr Bein war aufgerissen und blutete sehr stark! Schließlich rückte sie mit der Sprache heraus und gab zu, wieder einen Unfall mit dem Roller gehabt zu haben. Ihre Verletzung war so schwer, dass sie kein Yoga mehr mitmachen konnte und es gab den Verdacht auf einen Anbruch ihres Beines, denn noch am selben Tag schwoll ihr Fuß tiefblau an und sie heulte vor Schmerzen. Ihre Eltern waren empört und standen kurz davor einen Flug zu buchen und sie in Bali abzuholen, doch sie blieb und humpelte tagelang mit schlechter medizinischer Versorgung herum und litt unter ihren Schmerzen.

So, und selbst sie bestand die Prüfung. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich noch entspannter gewesen. Wie ein Instagram- Meme sagen würde: ‚It’s just fucking Yoga‘.

 

Kapitel 9 – Die Quelle des Glücks, große Wellen und mal wieder: Plastik ist scheiße!

 

Auch wenn ich mit ein paar Leuten aus dem Kurs nur wenig persönlich zu tun hatte, war es doch so, dass wir eine zusammengehörende Gruppe waren. Man fand immer jemanden, der einem zuhörte und man wusste, man kann den meisten Leuten, auch außerhalb des engeren Freundeskreises, Dinge anvertrauen. Darum war es eine ganz tolle Übung, als wir an einem Tag im Unterricht intime Momente schaffen sollten: Wir suchten uns einen Partner, dem wir uns im Schneidersitz gegenüber setzten, das war bei mir natürlich Sam, und hielten gegenseitig unsere Hände. Ohne auch nur ein Wort zu reden, sollten wir so für mehrere Minuten dasitzen und uns die ganze Zeit über in die Augen schauen. Zu Beginn mussten Sam und ich immer wieder kichern, denn es war echt schwer ernst zu bleiben; vor allem wenn man sah, dass die Person gegenüber mit den Lidern zuckte, weil sie versuchte bloß nicht zu lachen. Nach einer Weile gewöhnte man sich daran und konnte mit ernster Miene in die Augen des Anderen blicken. Die Minuten kamen mir vor wie eine Ewigkeit und dann tauschten wir noch einmal durch, sodass Laelia meine nächste Partnerin wurde. Da auch sie eine Freundin von mir war, war es auch mit ihr schwer zunächst ernst zu bleiben, doch auch wir spielten uns mit der Zeit ein. Danach hatte ich das Gefühl den beiden noch viel näher zu sein. Doch eine solche Verbindung wie andere Pärchen hatten, hatten wir nicht. Beispielsweise gab es da Tiff und Amber und obwohl Tiffany Amber nicht mochte, wie Viele aus dem Kurs, erzählte sie danach, dass sie während der Übung Erinnerungen aus Ambers Leben gesehen hatte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass diese Szenen vor Tiffanys innerem Auge, Amber wirklich wiederfahren waren und das war gruselig, aber mir viel es schwer das auch zu glauben. Eine, die immer sehr emotional war, hatte auch bei dieser Übung angefangen zu weinen, als sie der wundervollen Amanda in die Augen blickte, die nebenbei schon über 60 war und das YTT rockte. So unterschiedlich konnten die Erfahrungen mit dieser Übung also sein..

 

Wie bei so Vielem, erlebte ich immer wieder Überraschungen in meinem eigenen Verhalten und wurde durch die unterschiedlichen Erfahrungsberichte der Anderen aufgeschlossener gegenüber neuen Dingen. Jeder Mensch und jeder Körper ist so einmalig und in seiner Unterschiedlichkeit doch auch so wundervoll. Es gibt so viel das man von Anderen lernen kann und auch so Einiges, das man von außen nicht richtig einschätzen kann. Diese unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven auf nur einen einzigen Moment, zeigen auf, dass man das Leben immer mit anderen Augen betrachten kann. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß und genau das wurde mir in dieser Zeit bewusster, als jemals zuvor. Ich hatte so viel gelernt, vor allem über mich selber, dass ich nun endlich wusste, was ich als Erinnerung an diese Zeit mit nach Hause nehmen wollte. Ich kam schon nach Bali mit der Idee, mir am letzten Tag ein Tattoo stechen zu lassen, aber noch ohne zu wissen welches Motiv. Nach dieser Erkenntnis aber, wusste ich etwas, das offensichtlich nichts mit Yoga zu tun hatte, wenn man mich aber nach der Bedeutung fragte, einen tieferen Sinn ergeben würde. Ich entschied mich dafür, mir eine Flamme stechen zu lassen, um diese Leidenschaft in mir und diese neu gewonnene „Erleuchtung“ zu vereinen und mich tagtäglich daran zu erinnern, wie ich in der Zeit aus einem kleinen Flämmchen ein loderndes Feuer entfacht hatte.

 

Eigentlich weiß man, dass „glücklich sein“ von einem selber abhängt. Die Quelle für sein eigenes Glück darf niemals von einer anderen Person abhängig gemacht werden, sondern muss aus einem selber entspringen.  Doch irgendwie wird einem das erst so richtig bewusst, wenn tatsächlich jemand Anderes Grund dafür ist, dass man sich schlecht fühlt. So ging es mir ja schließlich am Anfang nicht gut, nur weil ich Nicki vermisste und stellte dieses Gefühl die ersten Tage auf das höchste Podest. Doch wegen dem ganzen Gerede über die eigene, innere Welt, sprudelte meine Quelle der Selbstliebe so stark, dass sie alles andere unter sich bedeckte. Und das war gut, denn ich vermisste ihn zwar noch immer sehr, aber es war kein Grund mehr für mich, mich deshalb schlecht zu fühlen. Wenn es mir nun mal schlecht geht, dann nehme ich mir Zeit meine Selbstliebe zu pflegen (Meditation, Wellness, Yoga etc.). Denn sie sorgt dafür, dass uns so schnell nichts mehr „von außen“ erschüttern kann. Wie ich schon einmal erwähnte, wird der Begriff „Selbstliebe“ heutzutage oft fälschlicherweise mit „Arroganz“ gleichgesetzt und das finde ich unfassbar nervig und traurig zugleich. Wenn jeder Mensch unserer Gesellschaft erstmal die Beziehung zu sich selber verbessern würde, dann wäre diese Erde ein friedlicherer Ort. Das ist der erste und wichtigste Schritt, um überhaupt andere Beziehungen erfolgreich führen zu können.

Sebastian hatte zu der Sache natürlich auch was zu sagen. Vor einer seiner Unterrichtseinheiten sagte er, dass er von uns so oft gefragt werden würde, was hinter seinem Lehrer Dasein steckt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das irgendwer gefragt hatte, aber gut… Er sprach weiter und war ganz stolz, als er uns erzählte, dass er extra für uns an diesem Abend eine special Präsentation vorbereitet hatte, die uns darüber aufklären sollte, wie man glücklich wird. Ich erwähnte hier, dass ich von ihm als Person manchmal kein Fan war, er aber manchmal auch Dinge von sich gab, die ich gut fand. Deshalb gingen Sam und ich und noch ein paar Andere dort hin, um hoffentlich etwas dazuzulernen. Schon zu Beginn seiner Präsentation wurde uns klar, dass dies kein extra Unterricht war, sondern Werbung für sein „Project Happiness“. Dies war ein von ihm erstelltes Programm, das versprach, dass man nach einer gewissen Zeit glücklich sein würde. Er stellte die Inhalte vor und erwähnte häufiger Mal, dass man sich klarmachen müsse, dass sein eigenes Glück so viel wert sein sollte, dass man dafür auch Geld ausgibt. Ich fand das Ganze so dreist und konnte kaum glauben, dass tatsächlich Leute ihre E-Mail-Adresse auf die Liste schrieben, um mehr Infos darüber zu bekommen; zumal das Programm auch nicht billig war.

Und wieder würde das abendliche Dinner nicht langweilig werden, was den Gesprächsstoff anging.

 

In den nächsten Tagen bereiteten wir uns in unserer Freizeit viel auf die finale Prüfung vor, der einige Hausaufgaben vorausgingen. Wie immer saß ich dafür im G&J’s an einem der Tische im Sand und wollte ausnahmsweise mal besonders fleißig sein, doch schon bald wurde ich von Laelia, Abby und Hannah aufgegriffen um am Playground surfen zu gehen. Dort war es nicht immer einfach zu surfen, denn das Wasser war sehr flach und das Riff darunter messerscharf. Die Wellen kamen einzeln herein und überraschten uns ständig inmitten unserer Gespräche, wenn wir auf den Brettern saßen und warteten. Die Strömung an diesem Tag war stark und die Boote vor dem Strand zogen an ihren Ankern. Immer wieder mussten wir ein paar Meter zurückpaddeln, um beim Quatschen nicht abgetrieben zu werden. Bei einem dieser Manöver schaute ich zu den Anderen und hörte auf einmal wie einer der Surfer rief „Big wave’s coming“ und drehte mich in die andere Richtung. Doch ich war zu spät, denn die Welle hatte sich schon neben mir aufgetürmt und würde mich jeden Moment an meiner rechten Seite treffen. In dieser Sekunde ging ich im Schnelldurchlauf alles durch, was ich hätte tun können, aber die Zeit war zu knapp. Deshalb packte ich mein Surfbrett so fest es ging und holte tief Luft. Die riesige Welle erwischte mich mit voller Wucht und ich wusste unter Wasser schon schnell nicht mehr wo oben und unten war. Mein Körper wirbelte herum und ich wartete nur darauf, dass ich mich am Riff schneiden würde. So langsam musste ich auch mal wieder atmen und machte einen kräftigen Stoß mit den Armen. Ich kam prustend an die Oberfläche und zog mein Brett zu mir ran, das ich unter Wasser nicht mehr hatte halten können. Schon gleich war Hannah zur Stelle und sagte ich solle ruhig bleiben, doch sie musste verwundert feststellen, dass ich ruhig war, bzw. lachen musste. Die Welle hatte so eine Wucht, dass sie mir den kompletten Reißverschluss meines Oberteils aufgerissen hatte. Weiter hinten sah ich Laelia, die eine ähnliche Welle nehmen wollte, kurz auf dem Brett stand und schließlich ebenfalls unter den Wassermassen verschwunden war. Ein fremder junger Mann schwamm kurz darauf fluchend an mir vorbei, denn er blutete an der Hand. Nachdem Laelia wieder an der Luft war, kam sie zu mir und sagte, dass wir besser rausgehen sollten. Sie paddelte vor und ich folgte ihr, konnte aber kaum mithalten. Kurz vor den Booten merkte ich, dass die Strömung so stark war, dass ich mich nicht vom Fleck bewegte. Ich versuchte mit all meiner Kraft zu paddeln, doch ich konnte nicht an dem Boot neben mir vorbei. So langsam wurden meine Arme müde und ich sprang ins Wasser, um zu schwimmen, doch auch das war ohne Erfolg. Vom Strand rief Laelia mir zu „Paddle, Amelie, Paddle!“ und neben ihr stand ein älterer Typ, der kurz davor war ins Wasser zu springen. Doch Laelia schwang sich wieder auf ihr Brett und kam zurück zu mir. Sie schaffte es doch tatsächlich uns beide aus der Strömung herauszuziehen - Das war der Wahnsinn! Nach dieser Anstrengung machte ich natürlich keine Hausaufgaben mehr, sondern legte mich zum Sonnen an den Strand.

 

Nun stand auch der letzte freie Tag der gesamten Zeit vor der Tür und wir erfuhren von Johanna, einer unserer Lehrerinnen, dass am Abend eine Party am Strand stattfinden würde. Wie sehr freuten wir uns alle auf einen Abend, an dem wir zusammen ausgehen und trinken konnten! Nach einem leckeren Curry setzten wir uns in einen Shuttle-„bus“ und fuhren in ein abgelegeneres Gebiet der Insel. Schon als wir anfingen uns zu fragen, wo in dieser dunklen Stille eine Party steigen sollte, hörten wir leise Musik, die nach und nach lauter wurde. Die Location bestand eigentlich nur aus einer weißen Mauer, die die Straße vom Strand abtrennte und vor die das DJ Pult, die Bar und Sitzgelegenheiten aufgebaut waren. Mit unseren nackten Füßen tanzten wir im Sand und kamen aufgrund der Hitze schnell ins Schwitzen. Je später es wurde, desto mehr junge Leute kamen hinzu, sodass es dort ziemlich voll war. Ich wollte schon immer mal am Strand feiern: barfuß und unterm Sternenhimmel!

In der Nacht holte uns unser Shuttle wieder ab und wir kühlten uns mit Eiscreme aus dem Supermarkt herunter. In den Supermärkten in Bali findet man übrigens keine Plastiktüten mehr, denn dort gibt es eine Schule, an der Kinder lernen, wie sie nachhaltige und umweltfreundliche Projekte anleiten können. Eines dieser Kinder der „Green School“ setzte durch, dass Plastiktüten in Supermärkten verbannt werden. Zwar ist Plastikmüll noch überall auf Bali präsent, aber die Balinesen werden demgegenüber immer bewusster. Die Jahre zuvor, als der Tourismus noch nicht groß war, wurde bspw. das Meer nur als Abfalleimer benutzt und nicht als wunderschönes Badeparadies. Mit dem Tourismus kam auch die Aufklärung über die Umwelt und nun findet man mehr Bemühungen in der Richtung als hier in Deutschland, habe ich das Gefühl. Zum Beispiel gab es in jedem Café in dem ich war, nur Papier- oder Metall- Strohhalme, Plakate in den Restaurants und an den Straßenrändern, die sich gegen Plastikflaschen äußerten. Erzählt man das unbewussten Leuten in Deutschland, so bekommt man allerlei Ausreden an den Kopf geschmissen, warum es nicht möglich ist auf den eigenen Luxus verzichten zu können. Traurig, aber typisch. Wie kann ein solch armes Land so gegen den Plastikmüll vorgehen und in manchen deutschen Haushalten wird nicht mal Müll getrennt, weil es den Leuten so egal ist?!

 

Kapitel 10 – Die finalen Prüfungen und das Komplimente- Spiel

 

In der letzten Woche bereiteten wir uns intensiv auf die Prüfung vor. Es sollte einen Tag vor der Prüfung eine „Generalprobe“ mit anschließender Feedbackrunde geben. Dafür wurden wir in unsere Prüfungsgruppen eingeteilt und losten aus, wer welche Übungen vormachen musste. All unsere Übungen aus der Gruppe zusammen, ergaben dann den gesamten Yogaflow, den wir am Prüfungstag durchführen würden. Immer zwei Gruppen gleichzeitig würden geprüft werden und pro Gruppe gab es eine unserer Yogalehrerin, die als Mentorin, bzw. Prüferin fungierte. Während der Übungsprüfung konnten wir anderen Gruppen zugucken und unseren Teil observieren, damit wir sehen konnten, wie die anderen dabei vorgingen und uns eventuell inspirieren zu lassen. Das Ganze war ziemlich aufregend, denn wir wussten alle nicht, ob die finale Prüfung streng bewertet werden würde. Es gab einige aus dem Kurs, die deshalb regelrecht durchdrehten und ich sah so manche Tränen fließen. Ich gehörte zu denjenigen, die sich am Strand sonnten, während andere akribisch die Übungen auswendig lernten und manisch mit Zetteln in der Hand durchs G&J’s liefen. Kurz vor den praktischen Prüfungen sollte es auch eine Meditationsprüfung geben, bei der wir die Leute aus unserer Prüfungsgruppe durch eine 10-minütige Meditation führen sollten. Ich schrieb meinen Text dazu schnell aber gründlich herunter. Im Endeffekt lagen wir an dem Tag nebeneinander im Kreis und einer nach dem anderen führte seine Meditation durch. Nicht die schlechteste Art eine Prüfung zu durchleben. Die Prüferinnen gingen dabei nur rum und hörten hier und da mal für längere Momente zu. Diese Prüfung war leicht gewesen und bestärkte mich darin auch die praktische Prüfung gut hinzubekommen.

 

Und dann war es schließlich so weit. Die Übungsprüfung stand vor der Tür und da mein Name mit A beginnt, war meine Gruppe schon um 5:30 morgens an der Reihe. Das war gar nicht mal so schlecht, denn man war sowieso dran gewöhnt um diese Uhrzeit aufzustehen und ich war zu müde, um zu aufgeregt zu sein. Alles verlief soweit gut und ich konnte meine Übungen in der Mitte des Flows anständig durchführen. Nur Amber, die vorlaute Angeberin, machte es uns allen schwerer, denn sie machte jede vorgeführte Übung extra langsam nach, sodass man auf sie warten musste. Derjenige der gerade vorne fertig war, ging auf die Yogamatte der Nächsten und so weiter. Wegen diesem System lag schließlich Amber auf meiner Korkmatte und ich fand das überhaupt nicht toll, denn alles was ich sah war, wie ihre Achselhaare meine Matte berührten und wie ihre behaarten Beine sich darauf entlangrieben. Sie schien auch extra ihren Schweiß an meiner Matte zu trocknen. Ich konnte sie echt nicht leiden. Ja, auch als Yogi kann man Leute unsympathisch finden. Aber das ist normal und ich wusste, ich muss sie nicht wiedersehen und darum ging ich ihr aus dem Weg so gut es ging.

Anschließend an die Übungsprüfung saßen wir zusammen und die Balinesin Thia, die unsere Prüferin war, klärte uns über unsere Schwächen auf und lobte uns für die guten Elemente unserer Übungsprüfung. Dabei wurde mir klar, dass die Prüfung am Folgetag leichter werden würde, als gedacht.

 

Die finale Prüfung, auf die wir alle gewartet hatten, kam am direkt darauffolgenden Morgen dran. Wieder saßen wir um 5:30 in unserer Gruppe in der Shala und warteten auf den Startschuss. Unsere Lehrerinnen saßen alle schon bereit und waren unglaublich freundlich und sanft zu uns. Wir wussten alle, auch das Mädchen mit dem verletzten Bein, dass wir höchstwahrscheinlich alle bestehen würden. Dennoch fing mein Herz kurz vorher an wild zu pochen- typisch für mich, erst bin ich die Ruhe selbst und dann kurz vorher geht meine Nervosität bergauf. Doch die Prüfung war schnell vorbei. Ich lag auf meiner Matte und war überglücklich. Thia hatte uns die ganze Zeit über angelächelt und obwohl sie dauernd etwas auf ihre Zettel schrieb, hatte ich ein gutes Gefühl. Als die Letzte schließlich fertig mit ihrem Teil war, setzten wir uns wieder mit Thia zusammen und bekamen auch diesmal eine kurze Rückmeldung. Sie verteilte die einzelnen Prüfungszettel mit der abgehakten Checkliste, auf denen auf der Rückseite ein persönlicher Brief an uns stand. Ich war gerührt von ihren lieben Worten, denn sie hatte geschrieben, dass ich eine wundervolle Lehrerin bin, die Frieden und Frohsinn ausstrahlt. Ich hatte mich immer genau so als Lehrerin vorgestellt und deswegen bedeuteten mir ihre Worte sehr viel. Überglücklich rannte ich in Sams Arme, als auch sie bestanden hatte. Jeder von uns hatte es geschafft! Wir waren nun alle Yogalehrer/ Yogalehrerinnen! Nun stand nur noch die Zeugnisausgabe und die Feier an, sowie noch eine extra Unterrichtseinheit zum Thema Frauen und Yoga.

 

An diesem Abend lag die ganze Familie am Strand auf dem Rücken und beobachtete den Sternenhimmel. Wir reflektierten die komplette Zeit und sprachen über alles Mögliche. Diesen Himmel zu sehen, mit all den Sternen, ließ mich sentimental werden. Schon drei Tage später würde ich wieder in Deutschland sein, in der Realität. Ich wendete an, was uns Eckhart Tolle gelehrt hatte: Aufmerksam im Moment zu sein! Und so schaffte ich es gut, nicht länger über die Abreise nachzudenken. Dort im Sand fingen wir an ein tolles Spiel zu spielen. Es ist ein Komplimentespiel, was sich besonders gut unter Freunden spielen lässt. Dabei gerät einer nach dem anderen aus der Gruppe in den Mittelpunkt. Die anderen sollen dann nacheinander demjenigen im Gesprächsmittelpunkt ein Kompliment machen. So kommt jeder aus der Gruppe mal dran und hört was Nettes über sich selber und kann in der nächsten Runde anderen was Schönes sagen. Ich fühlte mich dabei so unbeschreiblich geliebt und akzeptiert. Bekommt man in Deutschland auf der Straße ein Kompliment, so sind diese meist mit Hintergedanken, aber hierbei waren es Menschen, die ich so sehr liebte und schätzte! Wir überhäuften uns mit schönen Worten und ich spürte, wie sehr wir alle miteinander verbunden waren. Ich hatte mich noch nie zuvor in einer Gruppe von Menschen so wohl gefühlt. Ich lag immernoch auf dem Rücken und verschmolz langsam mit dem warmen, weißen Sand um mich rum, während ich mit den Sternen um die Wette strahlte. Dieses Gefühl des Friedens würde ich mit nach Hause nehmen!

 

Kapitel 11 – mein verschwundener Geldbeutel und der herzzerreißende Abschied

 

Der nächste Morgen begrüßte mich, wie immer auf Lembongan, freundlich und warm. Ich war fortwährend friedlich aufgrund der bestandenen Prüfung, doch ich wusste auch, dass heute der Tag war, an dem ich die Insel verlassen musste. Und noch schlimmer: Ich musste mich von allen verabschieden, auch von Sam! Doch erstmal genossen wir den letzten gemeinsamen Yogaflow am Morgen. Endlich machten wir ein paar abgefahrenere Asanas als die letzten Wochen. Laelia und ich hatten uns genau so einen Flow für jeden Morgen gewünscht. Aber naja, jeder Yogalehrer, jede Yogalehrerin unterrichtet anders und gerade diese Diversität im Yoga ist das Tolle daran.

Das letzte Mal frühstückten wir zusammen und mit jeder Stunde wurde ich sentimentaler.

An diesem Abend sollte die Abschlussfeier stattfinden: Blumenmandalas, mit einem Feuerritual, mit Gesichtsbemalung und Tanz. Leider würde ich nicht daran teilnehmen können, denn durch die Ebbe gibt es nur einen bestimmten Zeitrahmen, in dem man mit dem Boot nach Bali fahren kann. Am nächsten Morgen ging schon mein Flug nach Deutschland und so musste ich wohl oder übel schon am Vortag abreisen. Ich packte also meine Sachen und verbrachte mit den Anderen Zeit am Strand.

Dann passierte genau das, was man im Urlaub nicht gebrauchen kann:

Zur Mittagessenszeit saßen wir nebeneinander auf den Liegestühlen vom G&J’s und aßen unsere gesunden Salad-Bowls. Mein Geldbeutel und mein Handy lagen neben mir auf dem Tisch und ich schenkte ihnen keine weitere Beachtung. Wenn du jetzt denkst: „Ihre Sachen wurden geklaut!“- falsch gedacht! Tatsächlich wollte das Meer mich wohl nicht abreisen lassen und ließ eine Welle anrollen, die weiter reichte, als alle Wellen bisher. Sie klatschte mit einer solchen Wucht gegen die Steinstufe vor uns, dass sie senkrecht nach oben schoss und sich auf uns Mädels verteilte. Unsere Salate standen unter Wasser, in unseren Haaren fand sich der halbe Strand wieder und mein Handy lag in einer Pfütze. Ich sprang auf schnappte es und trocknete es- puh, zum Glück war nichts passiert. Die Kellner brachten mir einen neuen Salat und sagten, dass so etwas noch nie passiert war! Schnell lachten wir über diese Situation, nachdem wir uns an der Außendusche abgeduscht hatten. Doch dann fiel mir auf, dass mein Geldbeutel weg war! Ich rannte zu dem überschwemmten Sitz zurück, doch es war weg! In der Pfütze hatte ich nur mein Handy gefunden und mein Portemonnaie war aus Kork und Kork schwimmt! Ich wurde panisch und suchte selbst im Bungalow, obwohl ich ja wusste, dass ich es zum Bezahlen mitgenommen hatte. Christian sprang ins Wasser und tauchte herum, sammelte jedes Blatt auf, das aussah wie ein Kork- Geldbeutel. Oben aus der Shala schauten alle Anderen aus dem Fenster, da die letzte Unterrichtseinheit beginnen sollte, und fieberten mit.  Doch vergebens…

Ich war kurz davor in Tränen auszubrechen, doch Christian brachte mich zurück auf den Boden. Er sagte mir, ich solle ruhig bleiben und jetzt nachdenken: „Was war in deinem Portemonnaie?“ – „Nur meine Kredit- und Ec- Karte, der Rest, wie Ausweis, Bargeld und Pass sind im Bungalow.“ „Okay, das ist gut, du kannst die Karten sperren lassen, wir geben dir Bargeld für deinen letzten Tag und sobald du in Deutschland bist, kannst du es mir auf mein deutsches Konto überweisen und ich überweise es an Sams australisches Konto.“ Und dann rechnete er für mich alles zusammen, was ich für den letzten Tag brauchen würde. Sam, Christian und Constanze legten ihr Bargeld zusammen und gaben es mir. Ich war ihnen so dankbar!!! Ein Pessimist würde sagen: „Du Arme, so ein Pech!“, aber ich hasse es, wenn man so ein Erlebnis auf das Pech schiebt! Ich glaube nicht daran, ich glaube an das Resonanzgesetz: Was man in die Welt ausstrahlt, kommt auch zu einem zurück. Wie immer sah ich hier nur das Gute: Ich hatte alle wirklich wichtigen Dinge aus meinem Geldbeutel im Bungalow gelassen, sogar jegliches Bargeld, obwohl ich in den letzten Wochen IMMER Bargeld mit mir trug! Außer meinen Bankkarten war nichts darin gewesen, und die Karten waren nicht wertvoll. Es war nur schade für das Kork- Portemonnaie, das ich von einem Freund als Mitbringsel aus Portugal geschenkt bekommen hatte. Auch dass ich mein Portemonnaie erst am letzten Tag verloren hatte, war Glück. Denn wäre das einen Monat vorher passiert, hätte ich nicht dauernd Bargeld ausleihen oder mir neue Bankkarten bestellen können. Ich hatte zudem tolle Freunde gefunden, die mir sogar mehr Geld gaben, als ich gebraucht hätte und die mir die Rücküberweisung so einfach machten wie möglich. Also, alles halb so wild, sogar besser so, denn dadurch konnte ich mir an meinem letzten Tag mehr gönnen, als eigentlich geplant.

Nachdem wir das alles geklärt hatten, gingen wir zurück in die Shala und setzten uns in den Unterricht dazu. Johanna, die Lehrerin, fragte mich ob alles gut sei und ich nickte lächelnd. Dann fuhr sie fort mit dem Unterrichtsinhalt. Ich schneide das Thema nur kurz an, aber es ist sehr interessant, wie im Yoga auch Rücksicht auf den weiblichen Körper genommen wird. Eigentlich sollte eine Frau keine anstrengenden Posen oder Asanas über Kopf machen, wenn sie ihre Periode hat. In dem letzten Monat wurde dazu übrigens immer „Mooncycle“ gesagt und ich fand das Wort unfassbar spirituell aber auch schön. Das klingt doch viel besser und beinhaltet die magische Verbundenheit mit dem weiblichen Körper und der Natur. Jedenfalls sollten Frauen, die in ihrem Mooncycle sind, (eigentlich!) Pause machen, weder arbeiten gehen noch sich körperlich zu hart anstrengen. Das ist erst dann akzeptabel, wenn man daran denkt, dass einem der Körper durch Schmerzen etwas mitteilt: „Mach langsam! Schon dich!“. Doch leider würde es in unserer Gesellschaft niemals funktionieren, als Frau eine Woche im Monat krank zu machen, obwohl das eigentlich das Beste für unseren Körper wäre. Und so quälen wir uns gezwungenermaßen mit Bauchkrämpfen durch den Alltag und hören andauernd: „Lach doch mal!“. Zum Glück gibt es Yoga, das dafür sorgt, dass man seinen Körper ehren und observieren kann, ohne dass man beurlaubt ist.  In dieser Unterrichtseinheit lernten wir auch über Kaffee und Koffein und ich hörte zwar zu, musste aber die Uhr im Blick behalten, denn ich musste bald gehen. Die letzten 10 Minuten verstrichen zu schnell und schließlich war es dann so weit. Der Unterricht pausierte als alle aufstanden und mich nacheinander mit Abschiedsworten in den Arm nahmen. Erst ganz zuletzt ging ich zu meinen engsten Leuten, zu meiner kleinen Ersatzfamilie. Und als ich jeden einzelnen von ihnen lange gedrückt hatte, kam Sam an die Reihe. Sie war in der Zeit zu meiner besten Freundin geworden, zu meiner soul sister, zu meiner zweiten weiblichen Hälfte. Ich ging auf sie zu und ich erinnere mich noch so gut an ihr zitterndes „no!“. Auch jetzt noch kommen mir Tränen, wenn ich an diesen Abschied denke. Wann würden wir uns wohl wiedersehen?! Wir wussten es nicht! Ich fiel ihr in die Arme und fing an zu weinen. Ich hatte selten bei Abschieden geweint und dass sie neben meinem Ohr schluchzte, machte alles nur unerträglicher! Ich wollte sie nicht loslassen, nie mehr wieder! Ich brauchte sie doch so sehr! Ich war unfassbar dankbar dafür, dass ich eine solche Freundin gefunden hatte! Damit hätte ich niemals im Leben gerechnet, denn diese kleine Insel, irgendwo in Indonesien hatte mir einen meiner Lieblingsmenschen geschenkt! Wer hätte damit rechnen können, wo ich doch schon Nicki am anderen Ende der Welt kennengelernt durfte.

Schließlich mussten Sam und Ich voneinander loslassen und ich hörte, wie sie weinend zurück in die Shala ging und alle ganz mitleidig reagierten. Sie erzählte mir später, dass Johanna sagte, es sei so wundervoll, dass wir uns gefunden hatten. Und ja, das war es!

Dann saß ich wieder an der Straße, wo ich vor einem Monat abgesetzt wurde und unfassbar traurig war. Und nun war ich wieder traurig, wegen Menschen, vor allem wegen Sam, die ich vor einem Monat gar nicht gekannt hatte. Verrückt, dass es ein Leben ohne die Menschen gab, ohne die wir jetzt nicht mehr leben könnten.

Ein Kellner aus dem G&J’s setzte mich hinter sich auf seinen Roller und klemmte sich meinen Backpack zwischen die Füße. Dann war ich auch schon an der Yellow- Bridge und kurz darauf in einem kleinen Boot, das mich raus aufs Wasser zu einem größeren Boot bringen würde. Von dort fuhren wir in Richtung Bali und ich blickte so lange auf Nusa Lembongan, bis ich die Insel nicht mehr sehen konnte. Die Sonne strahlte warm und das Meer sah wunderschön aus. Ich wollte hier nicht weg!

 

Schließlich kam ich in Seminyak an und wurde zu meinem Hotel gebracht, das sich mitten in der Stadt befand. Ich war nun alleine, doch ich genoss den Luxus in dem Hotelzimmer. Gleich nachdem ich meine Sachen abgelegt hatte, ging ich in die Stadt um zu shoppen und mir schließlich mein Tattoo stechen zu lassen, das mich an die Zeit in Bali erinnern sollte. Ich verbrachte den Abend am Strand, blickte den Himmelslaternen nach und machte es mir mit einem letzten Bintang in einem der Sitzsäcke gemütlich. Mein frisch tätowierter Arm zwickte ein wenig und erinnerte mich an die Flamme, die nun meinen Körper schmückte. Sie symbolisiert, wie durch das Yoga, aus einem kleinen Funken in mir, ein loderndes Feuer geworden war, wie ich mich selbst neu entfachte und wie ich lernte, selbst der Ursprung meiner Leidenschaft und meines Glücks zu sein.